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Spermien unter dem Mikroskop.

Pestizide schädigen Spermien

Pflanzenschutzmittel und andere Chlorverbindungen sind nicht nur giftig. Sie reichern sich auch in Fisch und Fleisch an - und landen über Umwege auf unserem Teller. Das kann schwerwiegende Konsequenzen für unsere Gesundheit haben.

Umweltgifte 04.11.2015

"Chlorkohlenwasserstoffe" nennt man jene Verbindungen, die Umweltmedizinern schon seit geraumer Zeit Sorgen bereiten. Zu dieser Gruppe gehören etwa das im vergangenen Jahrhundert häufig verwendete Insektengift DDT. Oder auch die PCBs, sie wurden von der Industrie lange als Weichmacher für Kunststoffe eingesetzt.

Beide Substanzen wurden mittlerweile verboten (DDT seit den 70ern, PCBs seit 2001), doch sie sind immer noch da. Die Chlorverbindungen haben nämlich die unangenehme Eigenschaft, sich in Boden, Wasser und Lebewesen anzureichern. Auf diese Weise hangeln sich die Chemikalien quasi die Nahrungskette empor und schädigen früher oder später auch den Verursacher der ganzen Misere: nämlich den Menschen.

Abnormale Chromosomen

Die Umweltsünden früherer Jahre sind bis heute wirksam, wie ein Bericht im Fachblatt "Environmental Health Perspectives" nachweist. Die Umweltforscherin Melissa Perry vom Milken Institute School of Public Health hat im Rahmen der Studie 90 Männer von den Färöern untersucht.

Die Bevölkerung der nordatlantischen Inselgruppe ist deshalb interessant, weil sie besonders häufig Fisch und Walfleisch isst - diese Tiergruppen sammeln bekanntermaßen Chlorverbindungen wie PCBs und DDT in ihrem Körper an. Resultat der Analyse: Je mehr die Probanden im Laufe ihres Lebens von den schädlichen Substanzen zu sich nahmen, desto häufiger hatten ihre Spermien abnorme Chromosomenzahlen.

Da Perry 33 Blutproben zur Verfügung hatte, die den Männern als 14-Jährige abgenommen worden waren, lässt die Studie auch Rückschlüsse über mögliche Langzeiteffekte zu. Perry resümiert: "Wer im Jugendalter mit diesen Chemikalien belastet wird, kann später Probleme bei der Fortpflanzung bekommen."

Effekt auch in westlichen Ländern

Die Probleme stellen sich zwar nicht automatisch ein, gleichwohl weist die Statistik auf eine kausale Verbindung hin. Worin diese besteht, wissen die Forscher nicht genau. "Vermutlich beeinflussen die Schadstoffe die Reifung der Hoden", sagt Perry. Dass diese Resultat nicht nur für die Bewohner entlegener Inseln gelten dürften, legt eine frühere Studie nahe.

Damals untersuchte Perry US-amerikanische Paare, die wegen Unfruchtbarkeit Hilfe bei ihrem Arzt gesucht hatten. Auch hier trat der gleiche Zusammenhang auf: Je höher die Belastung mit Chlorkohlenwasserstoffen, desto häufiger kam es zu Fehlbildungen der Spermien.

Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien überraschen diese Befunde nicht. PCBs und DDT-Abkömmlinge seien auch kürzlich im Blut von Kindern in Deutschland nachgewiesen worden. "Man kann davon ausgehen, dass die Situation in Österreich die gleiche ist."

Entscheidend sei, dass man nun nicht die Fehler früherer Jahre wiederhole, so der Umweltmediziner. Gefährliche Pestizide wie das noch immer im Handel befindliche Glyphosat "sollten schleunigst aus dem Verkehr gezogen werden".

Robert Czepel, science.ORF.at

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