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Flugzeug sprüht Pestizide über Feld

EFSA: Glyphosat "nicht krebserregend"

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sieht das anders. In einer am 12.11. veröffentlichten Stellungnahme empfiehlt sie deshalb, das Pflanzengift in der EU weiter zu verwenden.

Pflanzenschutz 13.11.2015

Häufigstes Gift

Hundertausende Tonnen werden jährlich produziert und verwendet, in der Landwirtschaft, in Kleingärten und um Unkraut von öffentlichen Flächen zu entfernen. Glyphosat ist damit das weltweit am häufigsten eingesetzte Pflanzengift.

In die Schlagzeilen gekommen ist der Wirkstoff heuer, nachdem das Krebsforschungszentrum der WHO zum Schluss gekommen ist, dass er "wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen" ist.

Das hat dazu geführt, dass sich das Verfahren zur Neuzulassung in die Länge gezogen hat. Mit Spannung haben daher Landwirtschaft, Industrie und Umweltschützer die Stellungnahme der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA erwartet.

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Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Ö1 Mittagsjournal am 12.11. um 12:00.

Für Menschen unbedenklich

Albert Bergmann von der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit AGES erläutert gegenüber science.ORF.at ihre Kernbotschaft: "Die EFSA ist in ihrer recht umfangreichen Bewertung zum Schluss gekommen, dass Glyphosat nicht krebserregend ist."

Zudem sei der Wirkstoff nicht schädlich für das menschliche Ergbut, er habe keine negative Folgen für die Fortpflanzung und sei kein Nervengift. Zusammengefasst: Bei sachgerechter Anwendung hält die EFSA Glyphosat für den Menschen unbedenklich. Der Ball geht jetzt an die Europäische Kommission. Bis Ende Mai 2016 soll sie entscheiden, ob der Stoff neuerlich zugelassen oder verboten wird. Konkrete Regelungen werden dann von den nationalen Behörden erlassen.

Die Einschätzung der WHO wird damit vom Tisch gewischt. Die offizielle Begründung: Die von der Weltgesundheitsbehörde herangezogenen Studien seien wissenschaftlich nicht haltbar bzw. relevant.

"Bankrotterklärung"

Die Stellungnahme der europäischen Behörde wird die Kritiker nicht glücklich machen, vor allem, weil die Substanz für andere Lebewesen und die Umwelt durchaus schädlich sein kann, wie auch AGES-Experte Albert Bergmann einräumt: "Man muss Pflanzenschutzmittel ähnlich einordnen wie Arzneimittel einordnen. Es gilt: so wenig wie möglich, aber auch so viel als notwendig, um eine Wirkung zu erzielen." Denn jedes Zuviel sei schädlich für die Umwelt.

Über die heutige Stellungnahme entsetzt, wenn auch nicht überrascht, zeigt sich Helmut Burtscher von GLOBAL 2000. "Die Stellungnahme erfüllt unsere schlimmsten Befürchtungen", so der Umweltchemiker gegenüber science.ORF.at. "Die Entscheidung ist eine Bankrotterklärung für die europäischen Zulassungsbehörden."

Interessen der Industrie

Der Kritik an den WHO-Studien kann der NGO-Vertreter auch nichts abgewinnen, immerhin sei die internationale Behörde so etwas wie der Goldstandard der gesundheitlichen Risikobewertung.

Und ganz anders als die Vertreter der EFSA und der AGES kann er die wissenschaftliche Kritik an dem Krebsforschungszentrum nicht nachvollziehen. Im Gegenteil: Die Standards des deutschen Bundesinstituts für Risikowertung (BfR) seien fraglich. Dieses war als nationale Behörde nämlich mit der Ausarbeitung der neuen Empfehlung beauftragt, welcher die EFSA nun gefolgt ist.

In einer Befragung im deutschen Bundestag im Herbst beschuldigte der WHO-Krebsexperte Christopher Portier die deutsche Behörde, sie habe gar keine Risikobewertung gemacht. "Vielmehr hat sich das BfR auf die Studien die Industrie verlassen", so Burtscher.

Warum die EFSA dem BfR dennoch blind gefolgt ist? Für Burtscher handelt es sich um eine klare interessensgeleitete politische Entscheidung. Welcher Behörde man traut, könne jeder für sich entscheiden - er glaube im Zweifelsfall lieber einer unabhängigen, renommierten und internationalen Behörde wie der WHO.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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