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Ein Traktor versprüht Unkrautvernichtungsmittel.

Woher die Uneinigkeit bei Glyphosat kommt

"Wahrscheinlich nicht krebserregend beim Menschen" sagte die Europäische Lebensmittelbehörde Mitte November zum Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Diese Aussage widersprach diametral der WHO-Agentur für Krebsforschung wenige Monate vorher. Wie kann das sein? Der Versuch einer Antwort.

Debatte 17.11.2015

Sowohl die European Food Safety Authority (EFSA) als auch die International Agency for Research on Cancer (IARC), Teil der Weltgesundheitsorganisation WHO, wollten in ihren Untersuchungen das Risiko klären, das möglicherweise durch das weltweit häufigste Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat für den Menschen entsteht. Der Hintergrund: Auf EU-Ebene steht die Entscheidung an, ob Glyphosat weiter eingesetzt und damit belastete Produkte verkauft werden dürfen.

Die Studien

Milliardengeschäft Glyphosat:

Die Debatte über Glyphosat ist auch deswegen so heftig, weil die massiven wirtschaftlichen Interessen dahinter Emotionen und Misstrauen schüren. Allein in Deutschland wird Glyphosat laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf rund 40 Prozent aller Ackerflächen gespritzt. Der jährliche weltweite Umsatz wird auf gut fünf Milliarden Euro geschätzt.

Keine stichhaltigen Zahlen:

In Österreich gibt es lediglich die Zahlen der Hersteller, wie viel Glyphosat sie jedes Jahr in Verkehr bringen. 2014 waren das 338 Tonnen - das heißt aber nicht, dass diese Mengen auch auf den Äckern gelandet sind. Dazu habe man keine Informationen, heißt es seitens der AGES. Zu den Glyphosat-Rückständen auf Produkten gibt es für Österreich aber Angaben: Demnach sind auf sieben Prozent der Proben Rückstände des Herbizids gefunden worden.

Links:

Die IARC hat für ihre Einschätzung "wahrscheinlich krebserregend" fünf Studien an Mäusen herangezogen, die alle vor ihrer Publikation in wissenschaftlichen Zeitschriften einen Peer Review, also einen Check durch Expertinnen und Experten des Fachs, durchlaufen haben. Die IARC stellte fest: In drei Studien erkrankten die Tiere signifikant häufiger an Lymphdrüsenkrebs, in einer gab es signifikant mehr Leukämiefälle und in der fünften Studie mehr Nierentumoren.

Die Schlussfolgerung der IARC: Glyphosat sei "probably carcinogenic to humans", also "wahrscheinlich krebserregend für Menschen". Die IARC konzentrierte sich bei ihrer Analyse auf die Substanz Glyphosat und auf Produkte, die neben Glyphosat auch andere Wirkstoffe enthalten.

EFSA: Anwendung wichtig

Diese Herangehensweise ist eine der Grundlagen, auf denen die EFSA argumentiert, dass eben diese krebserregende Wirkung nicht hinreichend belegt sei. Manche glyphosathaltigen Produkte hätten das Krebsrisiko erhöht, andere nicht, "deshalb kann es sein, dass die Wirkung von anderen Bestandteilen, und nicht vom Glyphosat selbst kommt", zitiert "Nature" die EFSA.

Außerdem unterscheidet sich der Fokus der beiden Einrichtungen: Die IARC legte das Augenmerk auf eine prinzipielle Gefährlichkeit, die EFSA auf Gefährlichkeit, wenn das Mittel laut Vorgaben korrekt angewandt wird. Bei der europäischen Behörde spielen also die Rahmenbedingungen der Anwendung große Rolle, bei der WHO-Agentur hingegen nur die Substanz selbst.

Industriefinanzierte Studien

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Glyphosat-Entscheidung der EFSA berichtete auch das Abendjournal am 12. November 2015.

Wichtig ist auch noch, welche Literatur als Grundlage für die Einschätzung herangezogen wurde. Die IARC legt großen Wert darauf festzuhalten, dass nur öffentlich zugängliche, dem Peer Review unterzogene Studien verwendet wurden. Die EFSA hingegen bezog laut "Nature" auch industriefinanzierte Untersuchungen mit ein, die keinem Review durch ein Journal unterzogen wurden.

Auch die fünf von der IARC als Beleg für ihre Einschätzung herangezogenen Studien sind durch die EFSA neu interpretiert worden. Auf der Website der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) heißt es dazu: "Die EFSA und die europäischen Mitgliedstaaten bezogen auch biologische Plausibilität und relevante historische Kontrolldaten, die Informationen über die spontane Krebsrate geben, in ihre Schlussfolgerung mit ein."

Übersetzt heißt das: Es wurde bewertet, wie wahrscheinlich ein Mensch die Dosen, die die Mäuse bekommen haben, einnehmen würde. Und: Anhand früherer Mausstudien wurde neu berechnet, wie häufig die Mäuse sowieso Krebs bekommen hätten - egal, ob mit oder ohne Glyphosat. Und dabei hätte sich, so EFSA, gezeigt, dass die Krebswahrscheinlichkeit kaum ansteige.

Kritik: "Junk Science"

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 gehört zu den Kritikern der EFSA-Entscheidung. Sie sagt dazu in einer Aussendung: "Damit ließ sich die (spontane) Tumorhäufigkeit bei den nicht mit Glyphosat behandelten Mäusen soweit nach oben 'korrigieren', bis der Unterschied zu den Glyphosat-belasteten Mäusen unter die Signifikanz-Schwelle rutschte." Die Organisation bezeichnet dieses Vorgehen als "Junk Science", also "Schrottwissenshaft", weil dieses Nachjustieren nicht zulässig gewesen wäre.

Die Debatte über Glyphosat wird jedenfalls weitergehen, auch wenn mit der EFSA-Entscheidung der Weg Richtung weitere Zulassung vorgezeichnet scheint. Die endgültige Entscheidung trifft in den nächsten Monaten die EU-Kommission.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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