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Porträtfoto von Zygmunt Bauman

"Die Zeit ist aus den Fugen"

Zygmunt Bauman zählt zu den führenden Soziologen der Gegenwart. Den Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft sieht er düster. Er beschreibt sie als "flüchtige Moderne", in der alte Gewissheiten zerfallen – und an ihre Stelle Unsicherheit und das Gebot zu Flexibilität treten.

90. Geburtstag Zygmunt Bauman 19.11.2015

Anlässlich seines 90. Geburtstages am 19. November hat science.ORF.at mit dem Soziologen in Leeds gesprochen.

science.ORF.at: Sie haben sich in früheren Jahren als "Soziologe der Postmoderne" bezeichnet. Wie haben Sie damals die Postmoderne verstanden?

Zygmunt Bauman: Als eine Epoche, die uns die Möglichkeit eröffnet, ein intensives, plurales Leben zu führen. Dieses Leben richtet sich nicht mehr nach universell gültigen Wertsystemen und kommt ohne ideologisches Korsett aus. Es ist dies ein Zeitalter, in dem sich nichts mehr voraussagen lässt, da wir schon längst nicht mehr die Macht haben, geschichtliche Prozesse zu beeinflussen. Wir müssen, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, bekennen, dass wir vor den Trümmern einer Ordnung stehen, die seit Jahrhunderten als Ideal verherrlicht wurde. Es war dies die Ordnungsmacht der Vernunft, die sich anmaßte als oberstes Prinzip alle übrigen Phänomene zu beherrschen.

Biografie

Zygmunt Baumans wurde am 19. November 1925 im polnischen Posen als Sohn einer jüdischen Familie geboren. 1939 musste er mit seiner Familie wegen der nationalsozialistischen Okkupation Polens in die Sowjetunion fliehen und nahm später als Mitglied der Polnischen Armee am Zweiten Weltkrieg teil. Danach studierte er Soziologie und Philosophie in Warschau, wo er sich auch habilitierte und einen Lehrstuhl erhielt. 1968 musste er Polen wegen einer antisemitischen Hetzkampagne verlassen und lebte danach in Israel. Ab 1971 lehrte Bauman Soziologie an der University of Leeds. Seinen Ruhestand, der von zahlreichen Gastvorträgen in verschiedenen Ländern unterbrochen wird, verbringt er ebenfalls in Leeds.

Literaturhinweise

Bücher von Zygmunt Bauman:

Flüchtige Moderne, edition suhrkamp, Band 2447
Leben in der Flüchtigen Moderne, edition suhrkamp, Band 2503
Gemeinschaften, edition Suhrkamp, Band 2565
Wir Lebenskünstler, edition suhrkamp, Band 2594
Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeiten, Hamburger Edition
Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Hamburger Edition
Europa. Ein unvollendetes Abenteuer, CEP Europäische Verlagsanstalt
Dialektik der Moderne. Die Moderne und der Holocaust, CEP Europäische Verlagsanstalt
"Retten uns die Reichen?", Herder Verlag

Sekundärliteratur

Matthias Junge: Zygmunt Bauman: Soziologie zwischen Moderne und Flüchtiger Moderne. Eine Einführung, Verlag für Sozialwissenschaften
Jens Kastner: Zygmunt Bauman. Globalisierung, Politik und Flüchtige Kritik, Turia&Kant Verlag

Links

Ö1 Sendungshinweis

"Flüchtige Moderne. Zum 90. Geburtstag des Soziologen Zygmunt Bauman", eine Sendung von Nikolaus Halmer, Dimensionen 18.11, 19.05 Uhr

Worin besteht Ihrer Ansicht nach die Aufgabe der Soziologie im Zeitalter der Postmoderne?

Die einzige Aufgabe, die ihr bleibt, besteht darin, diese tiefgreifenden Veränderungen zu beschreiben und Abschied vom bisherigen Selbstverständnis zu nehmen. Die moderne empirische Soziologie war die längste Zeit eine Dienstleistungsdisziplin, die sich als Antwort auf die Nachfrage des modernen Staates entwickelte, - jenes modernen Staates, der die totale Verwaltung anstrebte, um die gesellschaftliche Regelung garantieren zu können. Daher benötigte er zahlreiche Experten, die in der Lage waren, die Grundlagen dafür zu erarbeiten. Die Methoden und Fertigkeiten der empirischen Soziologie waren auf diese Nachfrage und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten ausgerichtet. Diese strategische Funktion der Soziologie hat sich heute erschöpft; die Soziologie muss sich daher ein neues Anwendungsfeld suchen.

Könnten Sie die Strategie Ihrer wissenschaftlichen Arbeit skizzieren?

Die meiner Meinung nach wichtigste Eigenschaft der Soziologie besteht in ihrer Fähigkeit zur Interpretation. Jede artikulierbare Erfahrung, die Objekt der Sozialforschung werden kann, ist eingebettet in ihre eigene Lebenswelt, die wiederum von verschiedenen Komponenten wie lokaler Tradition oder einer gewissen Mentalität bestimmt wird. Diese Vielfalt von verschiedenartigen Lebensbezügen, Traditionen und Sprachspielen lässt sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Die einzig sinnvolle Strategie, um diese Phänomene zu beschreiben, hat meines Erachtens der Soziologe Clifford Geertz in der Idee der "dichten Beschreibung" vorgelegt.

Sie haben die Bezeichnung Postmoderne durch den Begriff "Interregnum" ersetzt. Wie lässt sich diese Überganszeit charakterisieren?

Mit großer Leidenschaft verwende ich das Wort Interregnum, das den Zustand ausdrückt, der mit dem Zitat "Die Zeit ist aus den Fugen" aus Shakespeares "Hamlet" gemeint ist, Den Begriff Interregnum habe ich von dem italienischen Philosophen Antonio Gramcsi übernommen. Er bezog sich dabei auf das antike Interregnum, das eine Epoche zwischen verschiedenen Herrschaftsformen darstellte. Das Interregnum bezeichnet eine Periode, in der tradierte Lebensweisen und Werte nicht länger gültig waren, am Horizont aber noch keine neuen sichtbar waren.

Zygmunt Baumann erhält 2006 einen Preis von Vaclav Havel, dem ehemaligen Präsidenten der Tschechischen Republik

Associated Press

Zygmunt Bauman erhält 2006 einen Preis von Vaclav Havel, dem ehemaligen Präsidenten der Tschechischen Republik

Ihre letzte begriffliche Kreation, mit der Sie die aktuelle gesellschaftliche Situation zusammenfassen, ist "flüchtige Moderne". Dieser Begriff ist - gemeinsam mit Richard Sennetts Ausdruck des "flexiblen Menschen" - zum Schlagwort geworden, das die aktuelle gesellschaftspolitische Situation treffend auf den Punkt bringt. Wie sieht eine kurz gefasste Phänomenologie der "flüchtigen Moderne" aus?

Wir leben in einer Welt, in der sich ständig etwas Überraschendes ereignet, etwas Unerwartetes, nicht Vorhersehbares. Alles zerfällt in Fragmente. Alles, was gestern noch gültig war, kann heute bedeutungslos sein. Wir leben in einem Zeitalter der Unsicherheit, der Ungewissheit. Diese Ungewissheit betrifft den Bereich des Ökonomischen, wie die aktuelle Finanzkrise und der Bankencrash gezeigt haben. Sie ist aber auch im Bereich des Beruflebens anzutreffen. Früher hat man seinen Beruf meist ein Leben lang ausgeübt - häufig in einer Firma. Heute ist der "flexible Mensch" gefragt, wie ihn Richard Sennett genannt hat, der sich darauf einstellen muss, im Laufe seines Lebens verschiedene Berufe auszuüben; eine langfristige Planung ist somit nicht möglich.

Die herrschende Ideologie der westlichen Industriegesellschaften bestand darin, zu verkünden, dass, wenn man nur hart genug arbeitet, man ein erfolgreiches Leben führen wird. Der Slogan lautete: Arbeite nur und du wirst eine sichere berufliche Position erlangen, die mit einem guten Einkommen verbunden ist! Das alles ist nun erodiert. An die Stelle einer gesicherten beruflichen Position ist nun das Prekariat getreten, wie es der englische Soziologe Guy Standing beschrieben hat. Es handelt sich um eine soziale Gruppierung, die durch Unsicherheit im Hinblick auf die Art der Erwerbstätigkeit ihrer Mitglieder gekennzeichnet ist. Die Mittelklasse, die stets stolz auf ihre Leistungen war, ist also dem Prekariat gewichen.

Eine wichtige Facette der "flüchtigen Moderne" ist der Konsumismus. Was verstehen Sie darunter?

Die größte Katastrophe für die gegenwärtige Konsumgesellschaft ist der traditionelle Konsument, der seine Bedürfnisse erfüllt, wenn er unterschiedliche Konsumgüter wie Hosen, Handys, Recorder oder Smartphone einkauft. Die Konsumgesellschaft hingegen hat das Ziel, den Konsumenten einzureden, dass er immer neue Bedürfnisse entwickelt. Jedes Mal, wenn ich meine Mails lesen will, erhalte ich eine Botschaft die direkt an mich gerichtet ist. Hi Zygmunt, heißt es da, wir haben Bücher für dich. Sie schicken Vorschläge für Bücher, die mich interessieren könnten. Sie sammeln Daten ihrer Kunden; jedes Mal, wenn man die Kreditkarte verwendet, wird das registriert; so haben sie eine exakte Datenaufzeichnung von mir. Der amerikanische Wissenschaftler Joseph Nye nennt das soft power; das bedeutet, dass Firmen die Fähigkeit entwickeln, den Konsumenten zu veranlassen, das zu tun, was die Firmen wollen, ohne die Konsumenten dazu zu zwingen.

Die Kehrseite des Konsumismus besteht darin, dass diejenigen, die sich aus finanziellen Gründen an diesem gesellschaftlichen Spektakel nicht beteiligen können, ausgeschlossen werden. Wie sieht diese Exklusion aus?

Diese Exkludierten leiden individuell, jeder leidet für sich selbst, ohne die Chance auf das Mitgefühl derjenigen zu erlangen, die in der Gesellschaft integriert sind. Tausende Menschen unterliegen einem ähnlichen Leidensprozess. Sie befinden sich in einer Situation, in der existenzielle Grundbedürfnisse wie ausreichende Nahrung oder eine Wohnmöglichkeit nicht mehr gegeben sind. Es gibt keine Aussicht, dass sich die Lage verbessert; im Gegenteil: Wenn man aus der Gesellschaft exkludiert ist, wird alles nur noch schlimmer. Man befindet sich nicht am unteren Ende der Gesellschaft, sondern außerhalb. Man ist absoluter Außenseiter. Jeder kämpft um die Brosamen, die vom Tisch der Bessergestellten fallen, immer im Wettbewerb mit den anderen.

Interview: Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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