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Kraftwerksschlote und Rauch vor blauem Himmel

Wie Klimabilanzen gerechter werden

Bevor die UNO-Klimakonferenz nächste Woche beginnt, haben die meisten Länder bereits ihre Pläne vorgestellt, wie viel Treibhausgase sie in Zukunft einsparen wollen. Das Problem dabei: Die Bilanzen sind höchst ungerecht. Denn sie beziehen sich nur auf die Produktion von CO2, nicht aber auf den Konsum der Waren, die hergestellt werden.

UNO-Klimakonferenz 24.11.2015

Grazer Forscher weisen deshalb schon im Vorfeld darauf hin, wie die Emissionsrechte weltweit gerechter verteilt werden könnten.

Produktion vs. Konsum

Eine Forschergruppe um Karl Steininger von der Universität Graz hat in eine Studie vier Möglichkeiten vorgestellt, um die Treibhausgase pro Einwohner zu ermitteln. Die erste ist die bekannteste und auch die, die nun in Paris im Mittelpunkt stehen wird: Dabei geht es um das Produktionsprinzip. Länder wie China, die am meisten CO2 in die Atmosphäre ausstoßen, gelten als die größten "Klimasünder". Die Waren, die sie aber herstellen, gehen oft in ganz andere Länder und werden dort konsumiert.

Die Studie

"Multiple carbon accounting to support just and effective climate policies" von Karl Steininger und Kollegen ist am 23. November 2015 im Fachjournal "Nature Climate Change" erschienen.

Klimakonferenz Paris

Anlässlich der bevorstehenden Weltklimakonferenz (COP21) vom 30.11. bis 11.12. in Paris berichtet der ORF in Radio, TV und Internet über Klimapolitik und den aktuellen Stand der Klimaforschung.

Deshalb kann man auch eine konsumbasierte Emissionsbilanz ziehen: Wirtschaftlich hochentwickelte Länder wie die USA, Deutschland oder Österreich mit ihrem starken Konsum kommen bei dieser Bilanz deutlich schlechter weg. Zwischen diesen zwei Bilanzen stehen zwei weitere, die das Team Steininger in ihrer Studie beschreiben: auf der einen Seite eine förderungsbasierte – die Frage also, wo Öl und Kohle gefördert werden, durch deren Verbrennung das CO2 entsteht –, und eine wertschöpfungsbasierte: Sie teilt die Wertschöpfung eines Produkts mehreren Ländern anteilsmäßig zu.

Steininger erklärt das anhand eines Taxifahrers: "Ein Großteil der Wertschöpfung entsteht in dem Land, in dem das Taxi fährt. Ein Teil aber auch in dem Land, aus dem das Benzin stammt; und ein größerer Teil in dem Land, in dem das Auto hergestellt wurde."

Große Unterschiede bei verschiedenen Bilanzen

Grafik der weltweiten Treibhausgasemissionen pro Einwohner

Grafik: APA, Quelle: Uni Graz/Nature Climate Change

Aufteilung der Treibhausgasemissionen nach verschiedenen Zurechnungsprinzipien (hier nur drei): in Tonnen CO2-Äquivalenten pro Einwohner und Land

Bei der Klimakonferenz in Paris wird ausschließlich nach dem Produktionsprinzip argumentiert. Wendet man es auf Österreich an, dann gab es im Jahr 2011 Emissionen in der Höhe von 13 Tonnen CO2-Äquivalente pro Einwohner. Beim Konsumprinzip waren es mit 22 Tonnen fast doppelt so viele.

Zum Vergleich: Der oberste "Klimasünder" China kam bei allen Bilanzen auf vergleichsweise geringe Werte, am höchsten war er beim Produktionsprinzip mit 9,5 Tonnen pro Einwohner und Jahr. In erdölfördernden Ländern wie Kuwait sind folgerichtig die Werte beim Förderprinzip besonders hoch – wie der Grafik zu entnehmen ist, liegen sie aber auch beim Produktions- und Konsumprinzip überdurchschnittlich hoch.

"Es reicht nicht aus, die schmutzige Produktion zu verlagern und die Güter weiter nachzufragen", sagt Steininger. "Der Konsum muss auf Low-carbon-economy umsteigen." Der Ökonom plädiert nicht dafür, die aktuellen Bilanzen über Bord zu schmeißen. "Es ist wichtig, bei den bestehenden Buchhaltungssystemen als Grundlage zu bleiben. Parallel sollte in Paris aber auch über Richtlinien verhandelt werden, wie nach anderen Methoden zu bilanzieren ist."

Schritte in die richtige Richtung

Im Bericht der Weltklimarats (IPCC) von 2014 habe es bereits zwei Kapitel gegeben, die sich einer konsumbasierten Emissionsbilanz widmen. "Insofern bewegen sich die Grundlagen schon deutlich in diese Richtung", sagt Steininger. "Auf politischer Ebene sehe ich zwar noch kein starkes Echo, auch weil die Angst besteht, dass es gleich zu Handelskriegen kommt, wann immer man sich auf ein neues System einlässt, das nicht international koordiniert ist." Aber auch da sieht der Ökonom Bewegung.

Was auch immer bei Paris am Schluss herauskommt: Wahrscheinlich sind Überprüfungen der abgeschlossenen Verträge alle fünf Jahre. "Und ich gehe davon aus, dass bei der nächsten Revision in fünf Jahren Richtlinien enthalten sein werden, die sich auf eine konsumbasierte Bilanz beziehen und die auch international akkordiert sind."

In Sachen Klimaschutz seien "vor allem jene Länder gefordert, die historisch – auch durch frühere überdurchschnittlich hohe fossile Energieverwendung und Emissionen – reich geworden sind".

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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