Standort: science.ORF.at / Meldung: "Mehr Natur, weniger Verbrechen"

Eine Frau sitzt auf einer Bank in einem Park

Mehr Natur, weniger Verbrechen

Die Natur macht aus uns bessere Menschen - so lassen sich die Ergebnisse einer neuen Studie zusammenfassen. Menschen fühlen sich ihr zufolge in begrünten Gegenden sozial besser aufgehoben. Außerdem geschehen dort weniger Verbrechen.

Lebensqualität 26.11.2015

Mehr als die Hälfte der weltweiten Landfläche hat der Mensch nachhaltig verändert. Straßen und Städte prägen die Landschaft und haben dabei die Natur weitgehend zurückgedrängt. Schon heute lebt die Hälfte aller Menschen in urbanen Gegenden.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollen es in 30 Jahren um die 70 Prozent sein. Schon rein gesundheitlich ist das problematisch. Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Probleme und Übergewicht, aber auch Atemwegserkrankungen als Folge der schlechten Luft sind in der betonierten Umgebung deutlich häufiger als im ländlichen Bereich.

Unterschätzte Natur

Die Studie in "BioScience":

"Seeing Community for Trees: The Link among Contact with Natural Environments, Community, Cohesion, and Crime" von N. Weinstein et al., erschienen am 25. November 2015.

Auch das Leben der Menschen hat sich dadurch deutlich verändert. Wir verbringen heute mehr Zeit in Innenräumen denn je, Natur kommt im Alltag kaum vor. Glaubt man zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema, könnte das allerdings ein Fehler sein. Erst im April dieses Jahres haben Forscher der University of Queensland einige davon in einer Überblickstudie zusammengefasst. Die Beweislage ist demnach erdrückend: Die Natur wirkt sich definitiv positiv auf das physische, psychische und soziale Wohlbefinden aus.

Die direkten wie indirekten Wirkungen sind breit gefächert. So führt etwa die gezielte Begrünung urbaner Gebiete zu messbaren physikalischen Veränderungen - die Luft wird reiner und städtische Hitzeinseln werden gekühlt. Aber auch indirekt hat die Natur einen Nutzen: Eine angenehme Umgebung, wie z.B. ein städtischer Park, regt zu sportlichen Aktivitäten an, wovon langfristig die Gesundheit des Einzelnen profitiert.

Auch die Psyche reagiert auf Grün: Der Aufenthalt in einer entsprechenden Umgebung soll Studien zufolge den Stress reduzieren, die Konzentration fördern und ganz allgemein das subjektive Wohlbefinden heben.

Natur und Gemeinschaft

Die neue Studie einer Gruppe um die Umweltpsychologin Netta Weinstein von der Cardiff University geht noch einen Schritt weiter. Neben den gut erforschten individuellen Vorteilen könnte die Natur nämlich auch für das Zusammenleben der Menschen und die Gesellschaft von Nutzen sein - so die Kernthese.

Dahinter stehen unter anderem soziologische Theorien, wonach der physische Raum, in dem Menschen leben, auch das Zusammenleben prägt. Praktisches Beispiel: Parks oder öffentliche Grünflächen erleichtern soziale Begegnungen. Experimentelle Untersuchungen zeigen zudem, dass der Kontakt zur Natur Menschen großzügiger und mitfühlender macht.

Bis jetzt gab es aber keine Erhebungen, wie sich Grünräume über längere Zeiträume auf ganze Gesellschaften auswirken. Für die neue Studie wurde eine zufällige Auswahl von mehr als 2.000 britischen Erwachsenen im Alter von 22 bis 65 Jahren, die über das ganze Land verteilt wohnen, befragt. Sie mussten ihre alltäglichen Naturerfahrungen und ihre Gemeinschaftsgefühle in der jeweiligen Nachbarschaft subjektiv einschätzen. Zusätzlich machten sie Angaben zu ihrer Ausbildung, ihrem Einkommen und zu demografischen Faktoren.

Neben den subjektiven Angaben haben die Forscher auch öffentlich zugängliche Daten miteinbezogen, etwa zum Grünanteil in den Wohngebieten der Befragten, zur Bevölkerungsdichte und zur Arbeitslosigkeit. Die Häufigkeit von kriminellen Taten haben sie der nationalen Verbrechensstatistik entnommen.

Grün zur Verbrechensbekämpfung

Aus allen Daten rechneten die Forscher den Zusammenhang zwischen Natur, Gemeinschaftsgefühlen und Verbrechenshäufigkeit heraus und kamen zu erstaunlichen Ergebnissen: Bei Berücksichtigung aller möglichen sozialen und anderer Einflussgrößen blieb ein positiver Zusammenhang zwischen subjektivem Naturerleben und der sozialen Aufgehobenheit. Anders ausgedrückt: Je öfter sich die Teilnehmer im Grünen aufhielten oder zumindest die Natur vom Fenster aus sahen, umso verbundener fühlten sie sich mit den Menschen in der Nachbarschaft.

Die Natur allein ist demnach für ganze acht Prozent der Unterschiede im Gemeinschaftsgefühl verantwortlich. Das ist beachtlich - denn im Vergleich dazu sind Alter, Geschlecht, Einkommen und Ausbildung gemeinsam nur für drei Prozent dieser Unterschiede verantwortlich. Das Gefühl der sozialen Zusammengehörigkeit hat laut den Forscher zudem Folgewirkungen: Die Menschen fühlen sich insgesamt glücklicher, verbringen weniger Zeit mit Medien, sind im Beruf produktiver und engagieren sich eher für die Umwelt.

Mehr Natur dürfte auch vor Kriminalität schützen. Immerhin ist sie den Berechnungen zufolge für vier Prozent der Schwankungen in der Verbrechensstatistik verantwortlich. Das ist laut den Forschern ebenfalls erstaunlich, wenn man bedenkt, dass höhere Strafen die Kriminalitätsrate in Großbritannien in den vergangenen Jahren nur um drei Prozent gesenkt haben.

Möglicherweise, so die Schlussfolgerung der Forscher, wären mehr Grünräume eine einfache und billige Alternative bei der Bekämpfung von Verbrechen. Immerhin hätte man damit ein griffiges Argument, um Entscheidungsträger von der Notwendigkeit von Grünräumen zu überzeugen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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