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Erdball vom Weltall aus gesehen

Klimawandel im Faktencheck

Wissenschaftler warnen seit 30 Jahren vor den steigenden Temperaturen auf unserem Planeten. Mittlerweile sind die Folgen des menschengemachten Klimawandels offensichtlich, manches Detail bleibt aber auch umstritten. Die wichtigsten Fakten im Überblick.

UNO-Klimakonferenz 27.11.2015

Warum wissen wir, dass es den Klimawandel tatsächlich gibt und die Menschheit dafür verantwortlich ist? Der deutsche Klimaforscher Hans von Storch hat ein einprägsames Bild dafür: Wenn man einen leblosen Menschen findet, dann überprüft man zunächst, ob er noch am Leben ist oder bereits tot. Gleiches taten Wissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten in Bezug auf den Klimawandel. Das Ergebnis: Er existiert, die Temperatur ist gestiegen und zwar eindeutig.

Als Nächstes stellt man fest, ob der Mensch eines natürlichen Todes gestorben ist oder ob er beispielsweise vergiftet wurde. Die überwiegende Mehrheit aller Forschungsergebnisse kommt zu dem Schluss, dass Treibhausgasemissionen, allen voran CO2, für den Klimawandel verantwortlich sind. Beim Temperaturanstieg handelt es sich nicht um einen natürlichen Prozess. Dann muss noch nach dem Täter gesucht werden: Wer hat das Gift verabreicht? Seit 1880 sind die CO2-Emissionen stetig angestiegen - bedingt durch die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas.

Klimakonferenz Paris

Anlässlich der bevorstehenden Weltklimakonferenz (COP21) von 30. November bis 11. Dezember in Paris berichtet der ORF in Radio, TV und Internet über Klimapolitik und den aktuellen Stand der Klimaforschung.

Debatte: Gegen Klimawandel: Was kann der Einzelne tun?

1. Klimawandeldebatte: Wie hat alles begonnen?

Vor 30 Jahren wurde zum ersten Mal vor der globalen Erwärmung gewarnt. Seit damals diskutiert die Wissenschaft über den menschengemachten Klimawandel. Umweltschutz und zu hoher Ressourcenverbrauch waren schon zuvor Themen in der Weltpolitik, doch erst 1985 wurden die Industrialisierung und die weltweiten Treibhausgasemissionen für die steigenden Temperaturen verantwortlich gemacht. Drei Jahre später gründeten die Vereinten Nationen (UNO) den Weltklimarat IPCC, der seitdem die Entwicklung des Klimawandels und seine Folgen in fünf Sachstandsberichten wissenschaftlich analysierte.

Die Ergebnisse waren nicht immer unumstritten - genauso wie jene Grafik, die die globale Erwärmung seit Ende der 1990er Jahre illustriert: der "Hockey Stick". Demzufolge verlief die Temperaturkurve 900 Jahre lang relativ geradlinig, bog aber im letzten Jahrhundert - wie bei einem Hockeyschläger - steil nach oben: im globalen Durchschnitt um plus ein Grad Celsius. Möglicherweise waren die historischen Schwankungen größer als im "Hockey Stick" dargestellt, der finale Temperaturanstieg ist aber nicht zu leugnen. Das betont auch der österreichische Klimaforscher Georg Kaser von der Universität Innsbruck: "Das ganz große Neue ist, dass der Klimawandel jetzt beobachtbar passiert. Das, was lange schon irgendwo vorhergesehen wurde, ist jetzt voll in Gang gekommen."

Extreme Wetterereignisse, das Schmelzen von Gletschern und Polkappen, Dürren und Wasserknappheit - diese Phänomene führen Forscher weltweit auf den Klimawandel zurück. Neben dem "Hockey Stick" sorgte in den letzten Jahren auch die Frage für Diskussionen, ob die Erwärmung seit Ende der 90er Jahre eine Pause einlegte. Eine US-amerikanische Studie, im Juni im Fachblatt "Science" erschienen, zeigt nun: Es wurde auch in den vergangenen 15 Jahren wärmer. In einem Punkt sind sich Forscher jedenfalls einig: Bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird die Temperatur weiter ansteigen.

2. Was sind die Ursachen des Klimawandels?

Das, was unseren Planeten eigentlich wärmt, ist die Sonne. Sie schickt kurzwellig Strahlung auf die Erdoberfläche, die dann dort in langwellige Strahlung umgewandelt und reflektiert wird. Die Gasschicht der Atmosphäre funktioniert dabei wie das Glasdach eines Treibhauses - es schickt einige Strahlen wieder zurück zur Oberfläche. Das heißt, ein gewisser Teil der Sonnenstrahlen gelangt ins All, der Rest bleibt - in Form von Wärmeenergie - zurück. Gäbe es diesen natürlichen Treibhauseffekt nicht, wäre Leben auf der Erde nicht möglich, die Durchschnittstemperatur läge bei minus 18 Grad Celsius. Da der Mensch seit der Industrialisierung aber zu viele Treibhausgase in die Atmosphäre schickt, wird zu viel Wärme gespeichert.

Das wichtigste Treibhausgas ist in diesem Zusammenhang CO2, Kohlendioxid. Es entsteht vor allem durch die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas. Auch andere Gase wie Methan, Distickstoffmonoxid und FCKW treiben die Erderwärmung voran. Laut der Weltorganisation für Meteorologie wurde bei CO2 im Frühjahr 2015 ein neuer Rekordwert erreicht.

3. Wie kam es zum Zwei-Grad-Ziel?

1992, der Umweltgipfel der UNO in Rio de Janeiro: 194 Staaten unterzeichnen ein Abkommen mit dem Ziel, gefährliche Eingriffe der Menschheit in das Klimasystem künftig verhindern zu wollen. Erst 18 Jahre später, 2010 bei Weltklimakonferenz im mexikanischen Cancun, kann sich die Staatengemeinschaft darauf einigen, wann der Klimawandel tatsächlich bedrohlich wird - wenn die Temperatur im globalen Durchschnitt um mehr als zwei Grad Celsius steigt.

Der Vorschlag, diese kritische Grenze in der Klimapolitik zu verwenden, ist jedoch wesentlich älter und stammt von William Nordhaus, der heute an der Universität Yale forscht. Der US-amerikanische Klimaökonom errechnete die zwei Grad während eines Forschungsaufenthaltes in Österreich am IIASA, dem Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse, in den 1970er Jahren. Nordhaus begründete das mit den natürlichen Klimaänderungen, die im Verlauf der Geschichte aufgetreten waren und innerhalb einer Schwankungsbreite von plus/minus fünf Grad Celsius gelegen hatten. Steigt die globale Temperatur um mehr als zwei Grad an, fällt sie aus diesem natürlichen Spielraum.

In den 1990er Jahren griffen auch andere Forscher, etwa vom Institut für Klimafolgenforschung in Potsdam, das Zwei-Grad-Ziel auf. Aber erst seit fünf Jahren steht die spezifische Grenze im Mittelpunkt der internationalen Klimadiplomatie. Will man das Zwei-Grad-Ziel erreichen, dann müssen laut Weltklimarat die Treibhausgasemissionen bis zum Ende des Jahrhunderts radikal sinken - und zwar auf null.

4. Welche Folgen hat der Klimawandel?

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts schmelzen die Gletscher mit Rekordtempo. Auch in den österreichischen Alpen ziehen sich die Eiszungen jedes Jahr um einige Meter zurück. Das verursacht nicht nur lokale Probleme wie etwa das erhöhte Risiko von Murenabgängen und Steinschlägen. Die weltweite Gletscherschmelze trägt auch zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Dieser stieg seit 1880 um 20 Zentimeter an. Dafür war nicht nur das Schmelzwasser der Gletscher verantwortlich. Weil die Ozeane wärmer werden, dehnt sich das Meerwasser aus. Gleichzeitig schmelzen die Eisschilde an den Polkappen.

Selbst wenn es gelinge, die Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts einzubremsen, würde der Meeresspiegel weiter steigen, warnt Kaser: "Wenn es gelingt, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, dann wird man fast alle Veränderungen einigermaßen in den Griff kriegen. Aber der Meeresspiegel steigt noch über 2.000, 3.000 Jahre sehr stark an." Laut einer aktuellen Studie der US-Forschungsorganisation Climate Central wäre selbst bei Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels der Lebensraum von 130 Millionen Menschen in Küstenregionen weltweit gefährdet. Bei einer Klimaerwärmung von vier Grad Celsius wären das weltweit zwischen 470 und 760 Millionen Menschen.

Auch andere riskante Folgen sind bereits zu beobachten: Wetterextreme wie Hitzewellen, Dürren, Überflutungen und intensivere Tropenstürme wurden in vielen Regionen häufiger. Das hat wiederum Folgen für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Nahrungsmittelsicherheit: Besonders die Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft leidet in vielen Ländern unter dem Klimawandel. Ökosysteme verändern sich und gefährden die Artenvielfalt. Mit der Erwärmung sind auch Gesundheitsrisiken verbunden: Infektionskrankheiten breiten sich aus den Tropen kommend weiter aus. Und wegen der widrigen Lebensbedingungen könnte es in vielen Regionen zu großen Fluchtbewegungen kommen.

5. Was bezweifeln die Klimawandelskeptiker?

Obwohl die Wissenschaft seit 30 Jahren vor dem menschengemachten Klimawandel warnt, gibt es nach wie vor Stimmen, die an diesen Forschungsergebnissen zweifeln. Vor allem in den USA entstand in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine regelrechte Lobby der Skeptiker. Die einen bezweifeln, dass es in den vergangenen 130 Jahren überhaupt eine Erderwärmung gab, die anderen - und das ist die Mehrheit der Klimaskeptiker - sprechen zwar von einem Klimawandel, dieser sei aber ein natürliches Phänomen. Sie liefern eine Reihe von Argumenten, warum sich die Erde seit 1880 um ein Grad Celsius erwärmt hat - der Ausstoß von Treibhausgasen gehört nicht dazu.

Eine dieser Erklärungen ist, dass die Intensität der Sonneneinstrahlung zugenommen habe. Messungen zeigen allerdings, dass es im entsprechenden Zeitraum keine maßgeblichen Schwankungen bei der Sonnenaktivität gab. Ein weiteres Argument bezieht sich auf den Wasserdampf in der Atmosphäre - er sei das eigentlich wichtigste Treibhausgas. Es ist richtig, dass Wasserdampf etwa 66 Prozent des natürlichen Treibhauseffekts verursacht. Nur 29 Prozent gehen auf das CO2 zurück. Doch der Mensch kann den Wasserdampfgehalt der Atmosphäre nicht direkt beeinflussen.

Der CO2-Gehalt stieg durch den Ausstoß von Treibhausgasen allerdings bereits um mehr als 30 Prozent. Und in dieser Zeit stieg auch die Temperatur weltweit um ein Grad Celsius. Der Klimawandel ist menschengemacht - in diesem Punkt gibt es heute Sicherheit, sagt der Klimaforscher Hans von Storch vom Helmholtzzentrum für Material- und Küstenforschung: "Mit dem bisherigen Wissen können wir die Erwärmung nicht erklären, ohne CO2 und anderen Treibhausgasen eine wesentliche Rolle zuzuweisen. Die Irrtumswahrscheinlichkeit für diese Aussage ist kleiner als fünf Prozent."

Vor allem in den USA halten sich die Argumente der Klimaskeptiker in der öffentlichen und politischen Diskussion. Dahinter stehen vielfach bezahlte Lobbyisten und private Forschungsinstitute, die der Öl-, Gas-, Kohle- oder Autoindustrie nahestehen. Sie werfen der Klimaforschung Angstmacherei vor. Klar ist: Die Treibhausgasemissionen zu reduzieren würde diesen Industriezweigen viele Milliarden kosten.

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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