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Zementwerk in der Abendsonne

7 Fragen zu CO2-Steuern

Wenn die Erderwärmung zwei Grad nicht überschreiten soll, müssen die Industriestaaten ihre Emissionen bis 2050 um mindestens 80 Prozent reduzieren. Das kann nur gelingen, wenn der CO2-Ausstoß viel teurer wird: Die wichtigsten Fakten zum Thema Ökosteuern und Emissionshandel.

Energie 03.12.2015

1. Angenommen, die Staatengemeinschaft einigt sich in Paris auf ambitionierte Ziele zur Begrenzung des Klimawandels: Welche Möglichkeiten hätten Länder bei der Umsetzung?

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Klimakonferenz Paris

Anlässlich der Weltklimakonferenz (COP21) von 30. November bis 11. Dezember in Paris berichtet der ORF in Radio, TV und Internet über Klimapolitik und den aktuellen Stand der Klimaforschung.

Sendungshinweis

Über dieses Thema hat auch das Ö1-Mittagsjournal berichtet, 1.12.2015, 12:00 Uhr.

Debatte: Gegen Klimawandel: Was kann der Einzelne tun?

Grundsätzlich stehen der Politik vier Werkzeuge zu Verfügung: Sie kann Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen; sie kann Vorschriften erlassen (in Österreich etwa: Energieeffizienz in der Bauordnung); sie kann klimafreundliche Technologien und erneuerbare Energien fördern (ein Instrument, das in der deutschen "Energiewende" eine wichtige Rolle spielt).

Und nicht zuletzt kann die Politik auch an der Preisschraube drehen - und zwar bei Umweltsteuern (siehe Punkt 2) sowie über den Emissionshandel (Punkt 4).

2. Was sind Umweltsteuern und wieviel nehmen Staaten dadurch ein?

In den Topf "Umweltsteuern" fallen so unterschiedliche Dinge wie die Normverbrauchsabgabe, die Lkw-Maut, Wassergebühren, Mineralölsteuer und Energieabgaben. Laut Eurostat machen die Einnahmen durch Umweltsteuern in Österreich 5,6 Prozent des BIP aus - das ist weniger als der EU-Schnitt (6,3 Prozent).

Die relativ höchsten Einnahmen haben europaweit Slowenien und Bulgarien mit gut zehn Prozent. "In Österreich gibt es noch Handlungsbedarf", sagt Jürgen Schneider vom Umweltbundesamt. "Laut Empfehlung der OECD muss fossile Energie teurer werden, der Faktor Arbeit sollte im Gegenzug entlastet werden."

3. Was müsste man tun, um zumindest in die Nähe des Zwei-Grad-Ziels zu kommen?

Sämtliche Staaten müssten ihren CO2-Ausstoß (sowie den anderer klimaschädlicher Gase) drosseln, das gilt insbesondere für die Industrienationen: Sie müssten ihre CO2-Emissionen, je nach Modell, bis Mitte des Jahrhunderts um 80 bis 95 Prozent herunterfahren - bezogen auf das Basisjahr 1990.

Das würde freilich eine komplette Transformation des Energiesystems nach sich ziehen. Modellen zufolge wäre das möglich, bei der Umstellung auf erneuerbare Energien käme allerdings Gas eine Brückenfunktion zu. Gas ist nicht so klimaschädlich wie Kohle oder Erdöl und würde die schrittweise Drosselung der Emissionen erleichtern. Die relativ verbesserte Emissionsbilanz der USA hat genau damit zu tun: Dort setzt man seit einigen Jahren vermehrt auf Gas.

4. Wie funktioniert der Emissionshandel - und wo wurde er realisiert?

Beim Emissionshandel definiert der Staat eine Obergrenze von Treibhausgasen und stellt den Unternehmen Zertifikate für den Ausstoß zur Verfügung. Der Preis wird dann durch Versteigerungen bestimmt.

In Österreich sind von dieser Regelung rund 200 Anlagen betroffen. Also alle großen Kraftwerke, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden, sowie Industrien mit großem CO2-Ausstoß - etwa Stahl-, Öl- und Zementbranche sowie chemische Industrie.

Der Lenkungseffekt des Emissionshandels ist allerdings gering. Erstens, weil die Preise noch viel zu niedrig sind (siehe Punkt 5). Und zweitens, weil die Zertifikate bis 2012 ohnehin zum Großteil gratis zur Verfügung gestellt wurden. Der Anteil der versteigerten Zertifikate soll in der dritten Handelsperiode (2013 bis 2020) schrittweise erhöht werden.

Einen flächendeckenden Emissionshandel gibt es bislang nur in Europa. In anderen Regionen - etwa in den USA oder China - existieren nur lokale Initiativen.

5. Was müsste die Tonne CO2 bis 2050 kosten, damit das Zwei-Grad-Ziel in Reichweite bliebe?

Im europäischen Emissionshandel kostet eine Tonne CO2 derzeit weniger als zehn Euro. Um einen Umstieg von Kohle auf Gas zu bewirken, "müssten die Preise auf das Vier- bis Fünffache steigen", sagt Andreas Löschel von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, wären laut Löschel langfristig noch deutlich höhere Preise notwendig: 60 Euro pro Tonne CO2 bis 2030, Mitte des Jahrhunderts dann 100 bis 150 Euro.

Ob solche Preise realistisch sind, ist freilich eine andere Frage. Selbst Deutschland, in Sachen Klimapolitik ein Vorreiterland, bezieht nach wie vor den Großteil seiner Energie aus billiger Kohle. In Osteuropa - in Polen etwa - ist die Kohlebranche sogar im Wachsen begriffen. Und auch international bestehen ähnliche Tendenzen. Indiens Wirtschaftspläne sind klar in Richtung Fossilenergie ausgerichtet, sofern der Klimagipfel in Paris nichts daran ändert.

6. Würden solche Preise für alle Länder gelten?

Im Idealfall ja. Wie Forscher um David MacCay von der University of Cambridge kürzlich im Fachblatt "Nature" hingewiesen haben, wäre ein weltweit einheitlicher CO2-Preis der einzig effiziente Weg, um einen globalen Klimaschutz auf Schiene zu bringen.

Das Problem dabei: 100 Euro für eine Tonne CO2 sind selbst für wohlhabende Staaten ein stolzer Preis, für Entwicklungsländer wäre das ohne fremde Hilfe - sei es finanziell oder technologisch - kaum zu stemmen. Aus diesem Grund wird auch das Thema Verteilungerechtigkeit beim Klimagipfel in Paris eine zentrale Rolle spielen.

7. Was wäre ein faires Abkommen?

Eine Umfrage des deutschen Ökonomen Andreas Löschel zeigt: Trotz ihrer divergierenden Standpunkte nehmen die Delegationen aus unterschiedlichen Ländern zwei Prinzipien als gerecht wahr. Das sind: das Verursacherprinzip und das Prinzip der Leistungsfähigkeit. Beim Verursacherprinzip versucht man in Rechnung zu stellen, wer wieviel Schuld am Klimawandel trägt.

Bzw. anders ausgedrückt: Welche Nationen bisher am meisten Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen haben. "Hier gibt es allerdings große Uneinigkeit, wann diese historische Verantwortung beginnen soll", so Löschel. Soll heißen: Die Industriestaaten wollen das Bezugsjahr möglichst spät setzen, um Kosten zu sparen. Die Entwicklungsländer haben das gegenteilige Interesse.

Größere Chancen auf Konsens räumt Löschel dem Leistungsprinzip ein. Demzufolge sollten wohlhabende Länder mehr für den Klimaschutz zahlen als arme. Eine Bemessungsgrundlage könnte etwa das BIP sein.

Robert Czepel, science.ORF.at

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