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Ultraschallaufnahme eines Embryos

19 Prozent Kaiserschnitte sind optimal

Obwohl gesundheitlich und ideologisch umstritten, kommen heute in manchen Ländern mehr als die Hälfte aller Kinder per Operation zur Welt. Einer internationalen Studie zufolge ist dies eindeutig zu viel: Bei einem Anteil von 19 Prozent sei das Risiko von Mutter und Kind, beim Eingriff zu sterben, am geringsten.

Geburt 02.12.2015

Steigende Raten

Kaiserschnitte können das Leben von Mutter und Kind retten, wenn es während einer Geburt zu Komplikationen kommt. Gleichzeitig handelt es sich natürlich um einen operativen Eingriff mit den entsprechenden Risiken. Dessen müssen sich die Gebärenden bewusst sein, wenn sie ohne medizinische Gründe den operativen Weg wählen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt daher, dass es pro hundert Geburten nicht mehr als zehn bis 15 Kaiserschnitte geben soll.

Die tatsächlichen Raten liegen heute in vielen Ländern darüber. Weltweit sind beispielsweise 2012 22,9 Millionen Kinder durch einen Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Das sind fast 20 Prozent aller Geburten. Es gibt allerdings große regionale Unterschiede. So sind es etwa in Island nur 14,8 Prozent. In manchen Ländern Südamerikas kommt bereits die Hälfte aller Babys auf diese Weise zur Welt, in brasilianischen Privatpraxen sind es ganze 90 Prozent. Österreich liegt mit 28,8 Prozent im Mittelfeld.

Keine Einheitsgröße

Über die möglichen Folgen bzw. Risiken der steigenden Raten gibt es weltweit heftige Diskussionen, aber wenig flächendeckende Studien. Zu diesem Zweck haben die Forscher um Alex B. Haynes von den Ariadne Labs nun eine große internationale Vergleichserhebung gemacht, mit Daten aus 172 Ländern der insgesamt 194 WHO-Mitgliederstaaten.

Bei der Auswertung zeigte sich, dass bei einer durchschnittlichen Kaiserschnittrate von 19 Prozent das Risiko, bei der Geburt zu sterben, am geringsten ist - für Mütter wie Kinder. Wie die Forscher selbst einräumen, handelt es sich vorerst um eine rein statistische und keine kausale Relation. Im Einzelnen stehen vermutlich das Zusammenspiel mehrere Faktoren in den jeweiligen Gesundheitssystemen dahinter.

Aber, wie auch Mary E. D'Alton und Mark P. Hehir in einem begleitenden Editorial im "Journal of the American Medical Association" (JAMA) betonen, die großen internationalen Unterschiede zwischen den Kaiserschnittraten seien jedenfalls inakzeptabel. Offensichtlich gebe es verschiedene Wahrnehmungen, ab wann ein Eingriff notwendig ist. Die optimale Kaiserschnittrate sei mit Sicherheit keine Einheitsgröße. Es geht vielmehr um eine optimale Betreuung während der Geburt, die möglichst umfassend Kosten und Nutzen des Eingriffs abwiegt, wie die beiden abschließend schreiben.

Langfristige Folgen

Abgesehen von der direkten Lebensgefahr für Mutter und Kind steht der Kaiserschnitt auch unter Verdacht, langfristig negative Folgen zu haben. Dieser Vermutung widmet sich eine weitere, ebenfalls in "JAMA" veröffentlichte Studie. Verwendet wurden dafür Daten von mehr als 320.000 Babys, die zwischen 1993 und 2003 in Schottland geboren wurden. Verglichen wurde die Gesundheit von Kindern, die per geplantem Kaiserschnitt zur Welt gekommen waren, mit jener von vaginal geborenen.

Das Ergebnis: Erstere haben ein leicht erhöhtes Risiko, im Lauf der Kindheit an Asthma zu erkranken, und vor dem 21. Lebensjahr zu sterben. Der Unterschied ist laut den Forschern um Mairead Black von der University of Aberdeen zwar minimal, dennoch solle man die Tatsache bei der Planung eines Kaiserschnitts mitbedenken.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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