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Nervenzelle auf einem Chip mit Sensoren.

"Maschinen mit Bewusstsein sind möglich"

Wie kann aus empfindungsloser Materie das bewusste Ich entstehen? Viele Forscher empfinden diese Frage als rätselhaft - wenn nicht sogar als unlösbar. Nicht so der deutsche Psychologe Dietrich Dörner. Er prognostiziert: Wir werden in Zukunft Maschinen mit Bewusstsein bauen können.

Gehirn & Geist 07.12.2015

"Die Hirnforscher machen aus dem Bewusstsein ein Riesengeheimnis", sagt Dietrich Dörner. "Ich würde sagen: aus purer Geltungssucht." Als Professor an der Universität Bamberg ist er mittlerweile emeritiert, aber das ist für ihn kein Grund leiser zu treten.

Dörner ist quirlig wie eh und je, und wenn der Psychologe über sein Fach spricht, kann er sich auch den einen oder anderen Seitenhieb auf Kollegen nicht verkneifen. Denn: Wenn Dörner für etwas kein Verständnis hat, dann ist es das metaphysische Brimborium, das den menschlichen Geist in akademischen Debatten umgibt.

Dietrich Dörner

privat

Dietrich Dörner war bis zu seiner Emeritierung Direktor des Instituts für Theoretische Psychologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Im November hielt er an der Universität Wien einen Vortrag. Titel: "Free will and the management of actions".

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Über dieses Thema berichtet heute auch "Wissen aktuell", 7.12., 13.55 Uhr

"Behaupten Sie das freiwillig?"

Die Debatte etwa darüber, ob es einen freien Willen gibt oder nicht, dauert bei ihm kurz. Hirnforscher haben im Anschluss an Experimente des Amerikaners Benjamin Libet mehrfach behauptet, der freie Wille sei eine Illusion. Denen hält Dörner üblicherweise entgegen: "Sagen Sie mal, behaupten Sie das freiwillig? Dann ist die Sache eigentlich gegessen."

Libet hatte in den späten 70ern bei Versuchen herausgefunden, dass bewussten Entscheidungen immer ein unbewusstes Signal im Gehirn, das sogenannte Bereitschaftspotenzial, vorangeht. Das Bereitschaftspotenzial ist so etwas wie ein Startsignal, das die späteren Signale anstößt - und zwar bevor das Ich in die Sache eingreift.

Doch daraus zu folgern, dass es keinen freien Willen gebe, ist Unsinn, sagt Dörner. "Manche sagen, der freie Wille ist etwas, das von nichts abhängig ist. Das ist natürlich bescheuert. Wann entscheide ich mich jemals, ohne von etwas abhängig zu sein? Nie!"

Audio: Dietrioch Dörner über den freien Willen

Ein "unerklärlicher Weltknoten"

Wie aus dem Leib die Seele, wie aus der Materie das bewusste Ich entstehen kann, ist eine Frage, vor der schon so mancher Denker kapituliert hat. Für Schopenhauer war sie ein "unerklärlicher Weltknoten". Und bei John Locke heißt es: "Es ist unmöglich zu begreifen, dass die bloße, nicht denkende Materie ein denkendes, verständiges Wesen hervorbringen sollte."

Auch in neuerer Zeit haben Philosophen diese Position vertreten. Der Brite Colin McGinn schreibt etwa über das Leib-Seele-Problem: "Es hat sich hartnäckig unseren größten Anstrengungen widersetzt. Ich denke, es ist an der Zeit, offen zuzugeben, dass wir das Rätsel nicht lösen können."

EMOs, Compterwesen mit Gefühlen

Rätselhaftes kann Dörner indes beim besten Willen nicht entdecken. Statt über Unlösbares zu sinnieren, geht er lieber ins Labor. Dort versucht er die Mechanik des Geistes bloßzulegen und sie im Computer nachzubilden. So hat er etwa vor einigen Jahren elektronische Wesen geschaffen, "EMOs", die sich in einem Computerprogramm frei bewegen.

Diese stattete er mit "Gefühlen" aus, beziehungsweise: mit einem Set von Regeln, die Dörner zufolge den Emotionen zugrunde liegen. Für ihn sind Gefühle nämlich nichts anderes als "Modulatoren des Verhaltens".

Der Ansatz basiert auf den Erkenntnissen der experimentellen Psychologie: Wer Angst hat, ergreift die Flucht oder zieht sich zurück. Wer Angst hat, reagiert auch schneller als normalerweise, neigt zu konservativen Lösungen und sucht nicht immer nach der optimalen Antwort. Muster wie diese hat Dörner in das Verhalten der EMOs eingebaut. Worauf sich die künstlichen Wesen so verhielten, als ob sie Emotionen besäßen.

Die Frage ist nur: Hatten sie auch Gefühle? Dörner besteht darauf, dass es so ist. "Das sind nicht oberflächliche Nachahmungen von Angst, Mut und Übermut. Diese Wesen haben Emotionen."

Silizium-Kopie des Gehirns

Das kann man bezweifeln. Doch sofern man diesen Satz akzeptiert, scheinen auch denkende Maschinen nicht mehr ganz so fern. Dieses Thema beschäftigt derzeit auch eines der größten Wissenschaftsprojekte der Gegenwart. Im Rahmen des mehr als eine Milliarde Euro schweren "Human Brain Project" (HBP) der EU versuchen Forscher die Neuroarchitektur des menschlichen Großhirns am Computer nachzubauen.

Offiziell stehen zwar medizinische und technische Anwendungen im Vordergrund, gleichwohl bezieht das Projekt sein Faszinosum (und seine üppige Finanzierung) wohl auch aus der unerhörten Frage: Kann man einer Maschine Geist einhauchen?

Der deutsche Neuro-Technologe Karlheinz Meier, einer der führenden Köpfe des HBP, sagt: "Diese Frage kann heute niemand seriös beantworten." Der Initiator des Projekts, Henry Markram, ist da schon optimistischer. Sofern man die Atome des Geistes im Computer richtig zusammenfügt, sagte er vor sechs Jahren in einem Interview voraus, könnten mit diesem Ansatz "höhere Fähigkeiten auftauchen".

Denken über früheres Denken

Dörner ist ähnlich zuversichtlich, sieht allerdings keinen Grund, sich auf die Neuroarchitektur zu versteifen. Ihm zufolge ist es gar nicht notwendig, eine Silizium-Kopie des Gehirns anzufertigen. Es würde es auch genügen, einen Computer mit den logischen Regeln auszustatten, die dem Bewusstsein zugrunde liegen.

Bewusstsein ist seiner Ansicht nach nichts, was über das normale Denken hinausreicht. Es ist bloß Denken, das sich mit der Spur früheren Denkens beschäftigt. "Meta-Denken", wenn man so will. Zur Veranschaulichung dient dem Psychologen eine Leberkäsesemmel.

"Bewusstsein hat man dann, wenn man in der Lage ist zu bedenken, ob das, was man tut, vernünftig ist. Und wenn man in der Lage ist zu sagen: Nein, das mache ich jetzt anders. Wenn ich Lust auf ein Leberkäsebrötchen habe, denke ich mir: Da ist viel Fett drin. Du bist eh zu fett. Dann lasse ich es bleiben und kaufe mir etwas Gesünderes. Das ist der simpelste Fall von Bewusstsein."

Audio: Dietrich Dörner über Meta-Denken

Tiere oder junge Menschen könnten das nicht, betont Dörner. Seine sechs Monate alte Enkelin sei sehr wach, doch Bewusstsein im Sinne des Bedenkens "hat sie nicht für einen Pfennig. Sie reagiert auf ihre Impulse und hat ihre Nöte, aber sie reflektiert das alles nicht."

"Die Probleme sind lösbar"

Freilich: Dass es mit derzeitigem Stand der Technik jemandem gelungen wäre, eine denkende Maschine zu bauen, glaubt auch der Bamberger Psychologe nicht. Sprache, Semantik, bildhaftes Denken - an diesen Fähigkeiten sei die Künstliche-Intelligenz-Forschung bislang gescheitert. "Ich bin überzeugt, dass diese Probleme lösbar sind."

Der australische Philosoph David Chalmers hat vor einigen Jahren ein Gedankenexperiment entworfen, das den Mechanisten und Optimisten der Bewusstseinsforschung den Wind aus den Segeln nehmen sollte. Chalmers zufolge könnte es Menschen geben, die sich äußerlich von "normalen" Menschen nicht unterscheiden. Innerlich aber sehr wohl.

Diese "Zombies", wie Chalmers sie nennt, haben das gleiche Gehirn wie wir, die gleichen Neuronen und auch die gleichen Neurotransmitter. Nur eines besitzen sie nicht: ein Innenleben. Zombies sind perfekte Replikate des menschlichen Körpers, sie handeln, denken und sprechen wie wir - nur eben als empfindungslose Maschine.

Nur Zombie-Maschinen?

Wenn man keinen triftigen Grund findet, warum dieses Gedankenexperiment falsch ist, folgert Chalmers, dann muss der menschliche Geist etwas anderes sein als all die Neuronen in unserem Kopf. Dem Bewusstsein, so sein Fazit, haftet trotz aller Fortschritte der Neurobiologie noch immer etwas Rätselhaftes an.

Das Bild ließe sich erst recht auf die Künstliche-Intelligenz-Forschung anwenden. Angenommen, sie hätte all ihre technischen Problem gelöst: Warum sollte so eine technische Abbildung des menschlichen Gehirns mehr sein als nur ein Zombie?

"Das kann man so sehen", gesteht Dörner zu. "Doch das Argument zieht nur dann, wenn man einen Unterschied zwischen dem Körperlichen und dem Geistigen macht. Man muss das nicht tun. Schon Aristoteles hat gesagt: 'Die Seele ist zwar kein Körper. Aber sie ist körperlich.'"

Robert Czepel, science.ORF.at

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