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Onlinekurse sind auch nicht gerecht

Freie Bildung für alle führt zu mehr Chancengleichheit - mit diesem Versprechen wurden in den vergangenen Jahren viele Onlineangebote geschaffen. Eine US-Studie zeigt nun: Die soziale Herkunft bleibt auch bei dieser Form des Lernens bestimmend.

Bildung 09.12.2015

Mehr Bildungschancen durch neue Medien - diese Hoffnung ist nicht ganz neu. Geweckt wurde sie bereits mit der Einführung des Hörfunks zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts - Menschen aus bildungsfernen Schichten, die z.B. nicht lesen konnten, oder auch Personen aus entlegenen Gegenden, erhielten damit einen Zugang zu mehr Wissen. Später folgte das Fernsehen, das ebenfalls zur Volksbildung beitragen sollte.

Demokratisches Internet

Die Studie in "Science":

"Democratizing education? Examining access and usage patterns in massive open online courses" von John D. Hansen und Justin Reich, erschienen am 4. Dezember 2015.

In jüngster Vergangenheit ist das Internet mit all seinen Möglichkeiten zum Hoffnungsträger Nummer eins geworden. Onlinekurse sollen den Zugang zur Bildung endgültig für alle ebnen. Ein Beispiel dafür sind sogenannte MOOCs (Massive Open Online Course): kostenlose Kurse auf hohem Niveau, die viele Teilnehmer betreuen können - zur Verfügung gestellt von so renommierten Bildungseinrichtungen wie der Harvard University oder dem Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Erneut ging und geht es darum, die Kluft zwischen privilegiertem Nachwuchs aus reichen wie gebildeten Elternhäusern und jenem aus sozial schwachen Gruppen zu schließen - eine Schieflage, die man in vielen Industrienationen wie Österreich immer noch findet. Auch hierzulande wirkt sich nichts so stark auf die Bildungskarriere aus wie die soziale Herkunft. Einen Bildungsaufstieg schaffen trotz aller Demokratisierungsbemühungen nur die wenigsten.

Ideale Voraussetzungen?

Vielleicht schaffen die Medien des 21. Jahrhunderts das, woran alle Vorgänger bisher gescheitert sind? Die Voraussetzungen scheinen jedenfalls ideal. Das Bildungsmaterial, das z.B. bei den MOOCs zur Verfügung gestellt wird, ist breit - allein von 2012 bis 2014 haben Harvard und MIT 68 komplett freie Onlinekurse angeboten, die jede und jeder kostenlos absolvieren und sogar mit einem Zertifikat abschließen kann.

In ihrer neuen Studie haben John D. Hansen von der Harvard University und Justin Reich vom MIT nun ausgewertet, wer diese Kurse tatsächlich genutzt hat. Insgesamt haben 164.198 US-Bürger im Alter zwischen 13 und 69 Jahren die virtuellen Kurse besucht.

Wohlhabende nutzen Kurse

Zur Einschätzung des sozioökonomischen Hintergrunds der Teilnehmer verwendeten die Forscher drei Variablen: den Bildungsstatus der Eltern, das durchschnittliche Einkommen in der jeweiligen Wohngegend sowie das Bildungsniveau in dieser Nachbarschaft.

Die Auswertung ist ernüchternd: Die meisten Teilnehmer kommen aus Gegenden, die wohlhabender und gebildeter als das Umfeld des typischen US-Amerikaners sind. Bei einem Unterschied von 20.000 US-Dollar im Jahreseinkommen steigt die Wahrscheinlichkeit einer Teilnahme um 27 Prozent. Jedes zusätzliche Ausbildungsjahr der Nachbarschaft im Durchschnitt erhöht die Wahrscheinlichkeit gar um 69 Prozent.

Mehr Abschlüsse

Auch unter den Absolventen setzt sich die soziale Diskrepanz fort: Jene, die aus einem besser gestellten Umfeld kommen, schließen den Kurs eher ab. Für einen Heranwachsenden, dessen am besten ausgebildeter Elternteil einen Bachelor besitzt, ist die Chance auf einen Abschluss 1,75-mal so hoch wie für jene mit Eltern ohne entsprechenden Abschluss.

Noch drastischer fallen die sozialen Unterschiede ins Gewicht, wenn man nur die jüngsten Teilnehmer heranzieht. Das ist laut den Forschern besonders bedenklich, immerhin suchen sich die meisten Menschen in diesem Lebensabschnitt ihr zukünftiges Berufsziel.

Spalt wird größer

Wenn andere Untersuchungen diese Zusammenhänge bestätigen, erreichen die als demokratische Bildungsmöglichkeit gepriesenen Angebote genau das Gegenteil des erwünschten Effekts: Die Bildungskluft wird größer statt geringer.

Eine Erklärung könnte die Mediensozialisation sein, wie die Autoren in ihrer Studie schreiben. Es gehe um mehr als den prinzipiellen Zugang, entscheidend sei vermutlich die Nutzung. Untersuchungen in Schulen haben z.B. ergeben, dass Computer in "besseren" Schulen häufiger zum Simulieren oder Modellieren verwendet werden. In Schulen, die von sozial schwächeren Kindern besucht werden, dominieren elektronische Übungsblätter.

Bereits im Kindergarten lassen sich laut den Forschern diese Unterschiede zwischen eher passiver und aktiver Mediennutzung feststellen. Das führe zu dem paradoxen Ergebnis, dass jene, die von vornherein begünstigt sind, am meisten von den neuen Angeboten profitieren. Um diesen Effekt zu bremsen und die soziale Bildungskluft zu schließen, braucht es - wie es aussieht - vermutlich mehr als nur neue Medien.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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