Standort: science.ORF.at / Meldung: "Noch kein Nobelpreis für Genmanipulation"

Porträtfoto der Biochemikerin Emmanuelle Charpentier

Noch kein Nobelpreis für Genmanipulation

Am Donnerstag werden die Nobelpreise in Stockholm verliehen. Diesmal noch nicht dabei ist die 47-jährige Emanuelle Charpentier. Die Biochemikerin galt mit der Kollegin Jennifer Doudna als aussichtsreichste Kandidatin für den heurigen Chemienobelpreis. Denn die beiden haben ein Werkzeug zur Genmanipulation entdeckt, das als Revolution gilt.

Emanuelle Charpentier 10.12.2015

Gentechnik auf den Kopf gestellt

Emanuelle Charpentier ist eine Französin mit Charme, Schick und Humor. Und sie ist einer der Köpfe hinter einem System, das die Welt der Genmanipulation verändert hat. Das System trägt den sperrigen Namen CRISPR/Cas9.

Damit könne man das Erbgut praktisch aller Organismen - von der Bakterie über die Pflanze bis hin zu Tier und Mensch - verändern, sagt Charpentier im Interview mit science.ORF.at. "Es ist also vielseitig anwendbar."

Erst vor drei Jahren wurde diese Methode im Fachjournal "Science" publiziert, mittlerweile hat CRISPR/Cas9 Einzug in die Labors der Welt gehalten. Das Prinzip der Methode basiert auf einem Abwehrmechanismus von Bakterien gegen Viren.

Die Wissenschaft ahmt also einen bakteriellen Mechanismus nach, mit dem man einzelne Gene gezielt entfernen oder einsetzen kann. Vereinfachend könne man hier, so Charpentier, von einer molekularen Schere sprechen. Eine sehr potente, günstige und einfache Methode.

Ö1 Sendungshinweis

Über das Thema berichteten auch die Ö1 Journale, 10.12., 12:00 Uhr.

Audio: Charpentier erklärt die CRISPR-Methode

Noch nicht ausgefeilt

Die Biochemikerin hofft, dass sich die CRISPR/Cas9-Methode in den kommenden zehn Jahren so verfeinert hat, dass es möglich sein wird, bestimmte Erbkrankheiten zu behandeln, sie genetisch "auszuradieren".

Mittlerweile mehren sich aber auch kritische Stimmen, die Methode berge Gefahren in sich. Noch sei sie nicht ausgefeilt genug; eine fehlerhafte Anwendung, unpräzise Schnitte in der DNA könnten zum Beispiel das Wachstum einer Zelle beschleunigen und so etwa zu Krebs führen.

Auch Charpentier hält es für notwendig, sich rasch auf internationaler Ebene darüber Gedanken zu machen, wie man die neue Technologie sicher machen, vor allem aber wie man eine missbräuchliche Anwendung verhindern kann. "Missbrauch ist eine Gefahr für jede neue Entwicklung", sagt Charpentier.

Forschung in Wien begonnen

Charpentier hat ihre Forschung an CRISPR/Cas9 übrigens an den Wiener Max. F. Perutz Laboratories zwischen 2002 und 2006 begonnen. Es sei eine schöne Zeit mit tollen Kollegen gewesen, aber mangels Karriereperspektiven habe sie schlussendlich auf ihr Bauchgefühl gehört und sei dem Ruf nach Schweden an die Universität von Umea gefolgt.

"Eine gute Entscheidung", sagt sie, "offensichtlich". Denn mittlerweile ist sie nicht nur zur Nobelpreisanwärterin avanciert, sie leitet auch seit 1. Oktober 2015 das Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie.

Gudrun Stindl, Ö1 Wissenschaft

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