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Frau legt anderer tröstend die Hand auf die Schulter

Mangelndes Mitgefühl könnte Trugschluss sein

Menschen mit antisozialen Persönlichkeitsstörungen oder Autismus tun sich besonders schwer, sich in andere Menschen hineinzufühlen, also empathisch zu sein. Dieser Satz galt lange als ein Kriterium, mit dem diese Krankheiten erkannt werden konnten. Wiener Forscher meinen aber nun: In einem gewissen Sinn könnte sogar das Gegenteil stimmen.

Autismus 14.12.2015

Was beim Mitfühlen passiert

Die Studie:

"From shared to distinct self–other representations in empathy: evidence from neurotypical function and socio-cognitive disorders" ist im Fachblatt "Philosophical Transactions of the Royal Society B" erschienen.

Licht ins Dunkel:

Ö1 unterstützt heuer über "Licht ins Dunkel" ein Projekt des Dachverbands der Österreichischen Autistenhilfe.

Was ermöglicht Empathie? Diese Frage stellen sich der Neurowissenschaftler und Psychologe Claus Lamm sowie seine Kollegen Henryk Bukowski und Giorgia Silani (alle Uni Wien) in ihrem Beitrag.

In mehreren Studien haben unter anderem Lamm und seine Kollegen kürzlich einige neurowissenschaftliche Hinweise dafür gesammelt, dass beim Mitfühlen "jene Emotionsnetzwerke im Gehirn aktiviert werden, die auch dann aktiv sind, wenn man selbst die Emotion, mit der man mitfühlt, empfindet". Die Forscher sprechen hier von einem Mechanismus "geteilter Repräsentationen".

Unterscheidung Ich-Du

Etwas nachzuempfinden ist aber lediglich ein Teilaspekt der Empathiefähigkeit: "Eine wichtige weitere Komponente ist die Fähigkeit zu unterscheiden, was mein Gefühlszustand und was der einer anderen Person ist", so Lamm im Gespräch mit der APA. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch hat sich dafür der Begriff "Selbst-Andere-Differenzierung" etabliert.

Die Forscher stellen sich in ihrem Artikel auch die Frage, wie es um diese beiden zentralen Aspekte bestellt ist, wenn Menschen unter verschiedenen klinischen Störungsbildern leiden. Dazu haben sie sich vor allem Studien über Autismus und Psychopathie, einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, angesehen. Insgesamt sei die Erkenntnisdichte ich diesem Forschungsbereich noch relativ dünn, es herrsche "ein ziemliches Durcheinander", so Lamm, der mit dem Betrag auch Türen für neue Fragen öffnen möchte.

Schutz durch Blockieren

Bei Autismus war reduzierte Empathiefähigkeit lange ein wichtiges Diagnosekriterium. Nun gebe es aber immer mehr Hinweise, dass "der Autist, der bei anderen starke Emotionen wahrnimmt, dadurch schneller überfordert wird". Um dem zu entgehen, könnten Betroffene gewissermaßen von vornherein dazu neigen, solche Wahrnehmungen zu blockieren.

Dieser "gut eingebaute Schutzmechanismus" wäre allerdings etwas ganz anderes als eine prinzipielle Unfähigkeit empathisch zu sein und eine "gute Nachricht" für Betroffene, erklärte der Neurowissenschaftler. Denn in einer Therapie müsse Einfühlungsvermögen nicht neu gelernt, sondern vielmehr der Umgang mit den Emotionen anderer geübt werden, indem gelernt wird, negative Gefühle anderer von jenen, die die eigene Person betreffen, klarer zu trennen.

Ausnützen von Gefühlen

Personen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung bilden eine weitere Gruppe, der scheinbar der Zugang zur Gefühlswelt anderer fehlt. Hier zeige sich aber immer stärker, "dass Psychopathen nicht unbedingt Probleme haben, sich in andere einzufühlen, sondern dass sie das möglicherweise sogar sehr gut können und auch sehr gut in dieser Abgrenzung sind", sagte Lamm.

Sie scheinen allerdings ihr Wissen um das Gefühlsleben anderer Personen anders zu nützen: "Während weniger psychopathische Personen auf das Leid anderer Personen meistens prosozial reagieren, können Psychopathen diese Information dazu nützen, um die eigenen Anliegen weiterzubringen."

Schalter umlegen

Lamm ortet auch Hinweise, dass sich die Forschung von dem alten Klischee des emotional unfähigen Psychopathen löst. Zwar fällt die automatische neuronale Antwort in der Regel weniger stark aus. Trotzdem gebe es mittlerweile starke neurowissenschaftliche Hinweise, dass diese Menschen in der Lage sind, gewissermaßen einen Schalter umzulegen und sich - wenn sie dazu aufgefordert werden oder sich davon einen Vorteil versprechen - ebenso gut auf die Gefühlslage anderer einstellen zu können.

science.ORF.at/APA

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