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Ein Demonstrant hält in Paris ein Transparent auf dem steht: "no false solutions"

Was das Abkommen für wen bedeutet

Die Erderwärmung soll möglichst auf 1,5 Grad begrenzt und in der zweiten Jahrhunderthälfte eine "Treibhausgasneutralität" erreicht werden. Das sind zwei zentrale Punkte in dem neuen weltweiten Klimaschutzabkommen. Aber was bedeuten diese Ziele in konkrete Maßnahmen übersetzt?

Klimagipfel 14.12.2015

Science.ORF.at fasst die Konsequenzen anhand einiger Beispiele zusammen.

Österreich: Energiewende in aller Munde

"Es braucht eine Energiewende, weg von den fossilen Energiequellen hin zu Erneuerbaren", erklärte Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) die Bedeutung des Klimaabkommens für Österreich. Beim Verkehr könnte das etwa durch die stärkere Nutzung von E-Mobilität und eine weitere Entwicklung der Wasserstofftechnologie erreicht werden. Auch eine ökologische Steuerreform soll vorangetrieben werden, so Rupprechter, der allerdings konkrete Maßnahmen und Eckdaten noch schuldig bleibt, wie ORF.at berichtet. So wurde der Dieselboom in Österreich in den vergangenen Monaten durch den gefallenen Preis regelrecht befeuert - ein Ende der Steuerbegünstigungen ist derzeit nicht absehbar.

Deutschland: Weg mit Kohlekraftwerken

Auch in Deutschland wird dieser Tage wieder mehr von der Energiewende gesprochen. Gerade nach dem offensiven Auftreten der deutschen Regierung in den Verhandlungen fordern Opposition und Umweltschützer, dass die Regierung in Berlin die Energiewende jetzt forciert und schnellstens den Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohlestromproduktion einleitet. Um die Klimaziele für 2030 erreichen zu können, müssten bis dahin mehr als die Hälfte der Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, so die Denkfabrik Agora Energiewende.

USA: Risiko Präsidentenwahl

US-Präsident Barack Obama lobte das Klimaschutzabkommen als "stark" und "historisch". US-Außenminister John Kerry sprach von einem "Sieg für den ganzen Planeten". Gleichzeitig waren es die USA, die eine rechtliche Verbindlichkeit des Abkommens verhinderten. Vor allem die Angst vor Schadenersatzklagen von ärmeren Staaten und damit verbundene Probleme bei der Ratifizierung im Kongress waren laut Beobachtern das Motiv. Als Risiko gilt die Präsidentenwahl 2016. Denn die Republikaner kündigten bei einem Sieg eines ihrer Kandidaten schon an, aus dem Abkommen auszusteigen.

ORF-Schwerpunkt

Rund um die Weltklimakonferenz (COP21) widmet sich der ORF in Radio und TV sowie online verstärkt den Themen Klimapolitik und Klimaforschung.

Sendungshinweise

Dem Klimaabkommen und den Konsequenzen widmete sich auch das Mittagsjournal am 14. Dezember.

Über die chinesische Sicht auf das Abkommen berichtete "Wissen Aktuell" am 14. Dezember.

China: Eigennütziges Einlenken

Auch in China wurde das Abkommen von Politikern gelobt. China übernehme Verantwortung, rufe aber auch die westlichen Staaten dazu auf, "Pflichten zur Unterstützung mit Geld und Technologien zu erfüllen", sagte Chefunterhändler Xie Zhenhua. Mit dem Abkommen betritt China Neuland, gestehen auch Kommentatoren zu. Bisher hatte sich das Land nicht um internationale Vereinbarungen gekümmert, sondern die eigene Industrialisierung vorangetrieben.

China bekommt aber den Klimawandel immer stärker am eigenen Leib in Form von Wüstenbildung, Überschwemmungen und Extremwetter zu spüren, wie Analysen zeigen. Und die Luftverschmutzung, verursacht von Kohlekraftwerken, wird immer mehr zum politischen Problem mit Sprengkraft für das gesamte politische System - daher wohl das Einlenken.

Golfstaaten: Neues Wirtschaftsmodell

Für die Ölproduzenten am Arabischen Golf ist der notwendige Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen ein heftiger Einschnitt, der deren gesamtes Wirtschaftsmodell infrage stellt. Die Wüstenstaaten müssen versuchen, sich rechtzeitig neue Einkommensquellen zu schaffen. Gleichzeitig gelang es ihnen in Paris, dafür zu sorgen, dass eine Abgabe auf fossile Energiequellen nicht in den völkerrechtlich bindenden Teil des Vertrags aufgenommen wurde.

Pazifikinseln: Hoffnungsschimmer

Für die kleinen Inselstaaten ist das im Abkommen erwähnte 1,5-Grad-Ziel ein Hoffnungsschimmer - ohne diese Festlegung hätten sie ihre Unterschrift verweigert. Sie konnten die Konferenz nutzen, um ihre Angst vor dem Untergang deutlich zu machen. Doch die Gefahr ist längst nicht gebannt, die 1,5 Grad sind extrem schwer zu schaffen. Viele Inseln müssen sich deshalb auch auf die Folgen des Klimawandels vorbereiten, was im konkreten Fall heißt, dass Fluchtorte gesucht und festgelegt werden müssen.

Investoren: "Divestment" greift um sich

Großanleger wie Pensionsfonds und Versicherungen denken zunehmend darüber nach, ob sich Investitionen in Öl, Kohle und Gas künftig noch genug rentieren. Vorreiter gibt es bereits. Anfang des Jahres 2015 hatte Warren Buffet, US-amerikanischer Großinvestor und einer der reichsten Männer der Welt, sein Geld aus fossil orientierten Unternehmen abgezogen. Ende Mai machte der französische Versicherungskonzern Axa laut Nachrichtenagentur Reuters ebenfalls diesen Schritt.

Im Juni 2015 stieg der norwegische nationale Pensionsfonds aus Anlagen in Bergbaufirmen und Energieerzeuger aus, die 30 Prozent und mehr ihrer Energieerzeugung aus Kohle erzielen. Wenn die Staaten den Klimaschutz ernst nehmen, dürfte dieses "Divestment" weiter um sich greifen. Zugleich könnte das Klimaabkommen Investitionen in erneuerbare Energien neuen Schwung geben.

Indien: Unterstützung bei sauberer Energie

Als Entwicklungsland darf sich Indien zwar noch Zeit lassen, bis es seine Emissionen drosselt. Trotzdem wird Klimaschutz für den Riesenstaat eine gewaltige Aufgabe. Denn gleichzeitig muss Indien seine Wirtschaft weiter ausbauen - ein Fünftel der Inder lebt noch in Armut, noch haben 300 Millionen Menschen keinen Strom. Allerdings kann das Land nun auf Unterstützung aus den Industriestaaten setzen, um beispielsweise künftigen Energiehunger aus sauberen Quellen zu stillen.

So geht es weiter

Am 22. April 2016 soll der Weltklimavertrag in New York von den Staatschefs unterzeichnet werden, dann gilt er als abgesegnet. Allerdings nur, wenn mindestens 55 Staaten verbindlich zustimmen, die mindestens 55 Prozent des globalen Treibhausgasausstoßes ausmachen. Das neue Klimaabkommen gilt ab dem nächsten Jahrzehnt, denn Ende 2020 läuft das Kyoto-Protokoll aus. Ihm waren die wichtigsten Staaten allerdings nie beigetreten.

Elke Ziegler, science.ORF.at