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Irische Rebellion neu analysiert

In der Irischen Rebellion von 1641 kamen Tausende Menschen ums Leben, Protestanten wie Katholiken. Fast 370 Jahre lang lagen die Zeugenberichte in Archiven des Dubliner Trinity College. Einsehen konnten sie dort nur wenige. 2010 wurden mehr als 8.000 Berichte digitalisiert und online gestellt. Ergebnis: eine Flut neuer Publikationen.

Digital Humanities 14.12.2015

Irland, 1641: Suzanne Wyne wird Zeuge, als 18 protestantische Schotten durch katholische Irische Rebellen erhängt wurden. John Peerson listet alles Hab und Gut auf, welches ihm von den Rebellen genommen wurde. Das sind zwei von mehr als 8.000 schriftlichen Zeugnissen aus der Zeit der Irischen Rebellion 1641, als sich katholische Iren gegen ihre britisch protestantischen Nachbarn auflehnten.

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Zur Person

Jane Ohlmeyer unterrichtet Geschichte am Trinity College in Dublin und leitete das Digital Humanities Projekt "1641 Depositions".

Weitere Informationen

Derzeit werden fünf österreichische Digital Humanities Projekte durch die Österreichische Akademie der Wissenschaften gefördert. Als Beispiele: Unter dem Schlagwort "Go!Digital" digitalisieren Archäologen Wissen zu frühen Agrarkulturen oder Sprachwissenschaftler die Ausgaben von 1872-1998 der Zeitschrift "Alpenwort" des Österreichischen Alpenvereins.
Als Vorbild dienen Projekte, wie "1641 Depositions", das Jane Ohlmeyer im Rahmen einer Veranstaltung der ÖAW vorstellte.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 14.12., 13:55 Uhr.

Seit 2010 sind diese Berichte nicht mehr nur im Bibliotheksarchiv des Trinity Colleges in Dublin einsehbar, sondern auch online verfügbar, erzählt Jane Ohlmeyer, Leiterin des Projekts und Historikerin am Trinity College, science.ORF.at: "Es ist ein sehr dunkler und strittiger Moment der irischen Geschichte. Jetzt, da die Zeugenberichte online verfügbar sind, können alle darauf zugreifen und den Mythos aufklären helfen."

Zusammenarbeit der Wissenschaftler

Drei Jahre lang arbeitete Ohlmeyer und ein 50-köpfiges Team aus Informatikerinnen, Bibliothekaren, Linguistinnen und Historikern daran, die original handschriftlichen Berichte zu transkribieren und schließlich zu digitalisieren: "Auf den ersten Blick klingt es einfach: Man nimmt originale Berichte und digitalisiert sie. Die Umsetzung erfordert aber viel Zeit und Geld und unterschiedliches Know-How - auch, um schließlich eine gute Website zu bauen", so die Leiterin des Digital Humanities Projekts.

Auf dieser findet man auch den Hinweis, dass es sich bei den Berichten größtenteils um jene der britischen Protestanten handelt. Grund dafür ist, dass die Protestanten zum Zeitpunkt der Rebellion die "koloniale Elite" in Irland waren, so Ohlmeyer. "Das heißt, die Regierung nutzte die Zeugenberichte als Rechtfertigung dafür, um später mehr Katholiken zu enteignen. Die wenigen katholischen Berichte zeugen aber davon, dass die Rebellion auch bei den Katholiken zu großen Verlusten führte. Man sollte bei der Analyse der Daten aber im Hinterkopf behalten, dass sie nur eine Seite der Geschichte darstellen."

Publikationsboom

Dass die Berichte nun gut leserlich und digitalisiert verfügbar sind, hat in den letzten Jahren weltweit zu einer Vielzahl an wissenschaftlichen Publikationen geführt - und das nicht nur aus historischer Sicht, wie Ohlmeyer erklärt. Auch Linguistinnen, Informatiker sowie Geographen verwenden die Daten. "Früher beschäftigten sich vielleicht 20 Wissenschaftler mit diesen Berichten. Heute sind es mehr als 20.000", erzählt die Historikerin.

So hat man beispielsweise eine digitale Landkarte aus dem 17. Jahrhundert mit den Informationen der Zeugenberichte verbunden, die stets auch Namen und Ort des Geschehens anführen. Ohlmeyer selbst nutzt die Daten derzeit, um ausschließlich nach Berichten von Witwen zu suchen. Hier zeigen sich jedoch Schwierigkeiten bei der digitalen Analyse: Denn Witwen wurden in den Berichten nicht nur "widows" genannt sondern auch "relict" oder "former wife".

"Ersetzt nicht das Lesen der Berichte"

"Die Suche allein nach dem Wort "widow", reichte nicht. Außerdem übersah die digitale Suche jene Frauen, die verwitwet waren, später aber wieder heirateten. Sie fand ich zufällig beim Lesen", so die Historikerin.

Die Digitalisierung macht Informationen zwar schneller und leichter zugänglich, ersetzt aber letztlich nicht das detaillierte Lesen und wissenschaftlich ordentliche Arbeiten, unterstreicht Ohlmeyer. Zudem müsse man stets den Kontext im Auge behalten, wenn man Digital Humanities analysiert. "Der Zusammenhang, in dem wir Daten analysieren, steht immer an oberster Stelle. In diesem Fall ist das der Krieg, der 1641 ausbrach und so viel menschliches Leid verursachte. Das sollte man nie aus den Augen verlieren."

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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