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Frau tippt auf Laptop-Tastatur

Solidarität im Internetzeitalter

Gerade jetzt in der Weihnachtszeit möchten viele Menschen etwas Gutes tun. In unserer digitalen Welt reicht da manchmal schon ein Klick, um eine vermeintlich gute Sache zu unterstützen. Aber bekundet diese Handlung schon Solidarität? Das ist schwierig zu beantworten, meint die Medienethikerin Nina Köberer. Und probiert es trotzdem.

Ethik 23.12.2015

Das Internetzeitalter ist voller Widersprüche. Einerseits bringt es weltweit Menschen zusammen, die zuvor nie eine Chance gehabt hätten sich kennenzulernen. Andererseits sorgt es für eine Fragmentierung in Gruppen und Untergruppen, sodass die Kommunikation zwischen ihnen immer schwieriger wird.

Eines ist gewiss: Die Digitalisierung hat dazu beigetragen, dass Gemeinschaften schneller handeln können. Das hat man schon im Arabischen Frühling gesehen, hierzulande heuer auf eindrucksvolle Weise bei der Flüchtlingskrise. Durch Social Media war es der Zivilbevölkerung möglich, sich nicht nur zu informieren, sondern vor allem rasch Hilfe zu leisten.

"Kein Staatsapparat hat so schnell reagiert, wie die Leute selber reagiert haben", sagt die Ethikerin Nina Köberer von der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. Der Haken dabei: "Menschen, die ein Problem mit Flüchtlingen haben, können sich ebenso schnell organisieren."

Porträtfoto von

Nina Köberer

Nina Köberer studierte Germanistik, Philosophie, Geographie und Erziehungswissenschaften an der PH Ludwigsburg. Promoviert hat sie im Fach Philosophie (Medienethik). Seit April 2009 ist sie Lehrbeauftragte in der Abteilung Philosophie an der PH Ludwigsburg und arbeitet dort in der Forschungsgruppe Medienethik mit. Mit dem Vortrag "Doing Good "with just one click": Normative aspects of solidarity 2.0 as an act of resistance in today's mediated worlds" war sie bei der Konferenz Responsibility and Resistance - Ethics in Mediatized Worlds" (10.-11.12.15) an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) eingeladen.

Von "Je suis Charlie" bis "NotInMyName"

Der Kampf zwischen "Menschenfreunden" und "Fremdenhassern", zwischen "Gutmenschen" und "Heimatfreunden" tobt im Internet. Das heurige Jahr bot überhaupt eine Vielzahl an Gelegenheiten, sich öffentlich-virtuell zu positionieren. Noch vor wenigen Tagen zierte die französische Flagge zahlreiche Profilbilder auf sozialen Netzwerken. Ein gemeinschaftlicher Akt, der zeigen sollte, dass die ganze Welt nach den Terroranschlägen im November solidarisch mit Paris ist.

Auch zuvor gab es eine Reihe digitaler Solidaritätsbekundungen, wie beispielsweise "Je suis Charlie", BringBackOurGirls, oder NotInMyName, die sich auf Facebook, Twitter und Co. wie ein Lauffeuer verbreiteten und über die auch zahlreiche Medien berichteten. Was diese Aktionen gemeinsam haben, ist das Prinzip sich solidarisch zu zeigen.

Was ist Solidarität?

Nina Köberer hat sich dieses Prinzip aus einer ethisch-philosophischen Perspektive angesehen und festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, Solidarität zu definieren. Während sich die Französische Revolution noch um "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" drehte, ist "Solidarität" ein Begriff, der sich später aus der Arbeiterbewegung und ihrem Kampf um soziale Rechte entwickelte.

Solidaritätstheoretiker gebe es wenige, sagt Köberer. Einer der ersten war Charles Taylor, der kanadische Politikwissenschaftler und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Taylor beschreibt Solidarität als eine Art Brüderlichkeit, bei der sich Menschen mit ähnlichen ethnischen Hintergründen und politischen Ansätzen zusammenschließen.

Der Begriff geht bei ihm noch Hand in Hand mit Brüderlichkeit und Patriotismus. Für den deutschen Sozialphilosophen Axel Honneth hingegen ist Solidarität vor allem soziale Wertschätzung - und neben Liebe und Recht eine der drei von ihm formulierten Anerkennungsformen.

Legitimierbare Grundlage notwendig

Offen bleibt dabei die Frage, inwieweit sich etwa die Solidarität mit den Opfern der jüngsten Anschläge in Paris oder Beirut von jener unterscheidet, die zwischen bzw. mit IS-Terroristen herrscht. Um aus ethischer Perspektive quasi "legitimierte" und "nicht-legitimierte" Solidaritätsbündnisse unterscheiden zu können, ist die Frage nach dem zugrundeliegenden Guten zu stellen.

Jede Solidargemeinschaft verfügt über einen gemeinsamen Werthorizont, allerdings braucht dieser aus normativer Sicht eine Begründung, die verallgemeinerbar ist und plausibel erklärt werden kann, meint Köberer. Frei nach Immanuel Kants Kategorischem Imperativ könnte man sagen: Es kann kein Ziel für die Allgemeinheit sein, wahllos Menschen zu töten – und deshalb ist die Solidarität von und mit IS-Terroristen als nicht legitimierbar zu betrachten. Im Unterschied zu Solidaritätsbündnissen gegen den IS.

"Jürgen Habermas hat das angedacht", sagt Nina Köberer. "Er hat Solidarität mit seinem Konzept von Gerechtigkeit verknüpft. Solidarität hat bei ihm mit Hilfsbereitschaft und Empathie zu tun, die für den Lebenszusammenhalt notwendig sind. Solidarität ist nach Habermas 'das Andere von Gerechtigkeit'. Er meint, dass wir dahinter eine Begründung brauchen, und dafür verwendet er seine Gerechtigkeitstheorie. Solidarisches Handeln ist ihm zufolge legitim, wenn es den Prinzipien der Gerechtigkeit entspricht."

Solidarität 2.0

Was mit Sicherheit einen Einfluss auf solidarisches Handeln hat, sind die konkreten Beziehungen der Menschen zueinander. Oder wie man im Internetzeitalter sagt: die sozialen Netzwerke. Facebook, Twitter und Co haben maßgeblich verändert, wie sich Menschen an bestimmten Aktionen beteiligen. Waren es früher vor allem die Arbeiter, die sich solidarisch zusammengeschlossen haben und sich für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne eingesetzt haben, kann heutzutage jeder und jede überall, zu jeder Zeit und zu jedem Thema mobilisieren und mobilisiert werden.

Dafür sorgen Plattformen wie Change.org. oder Avaaz, das nach Eigendefinition "mit Bürgerstimmen politische Entscheidungen weltweit beeinflusst". Avaaz hat im Vorfeld der UNO-Klimakonferenz etwa erfolgreich zu "Klimamärschen" rund um den Globus aufgerufen. 785.000 Menschen aus 175 Ländern liefen laut der Non-Profit Organisation bei diesen Märschen mit.

Empirische Antworten stehen aus

Solidarität im Internet kann also mehr sein als nur Clicktivism oder Slacktivism – also mehr als das eher mechanische Verteilen von "Likes" auf angenehme Kommentare oder Klicks auf Online-Petitionen. Muss es aber nicht. Wie das Verhältnis von virtueller und realer Solidarität tatsächlich ist – ob das eine das andere verstärkt, verringert oder gar nicht beeinflusst – ist empirisch noch zu wenig untersucht, sagt Nina Köberer.

Das betreffe auch die Frage, ob sich User noch schneller ein gutes Gewissen "erklicken" können, als dies etwa beim Kauf einer Fair-Trade-Handtasche oder eines glücklichen Bio-Brathuhns der Fall ist.

Viele Fragen sind noch offen, der eigene Standpunkt von Nina Köberer ist aber sicher. Beispiel Paris: "Grundsätzlich finde ich es gut, wenn Menschen ihr Facebook-Profil geändert haben, weil sie die Attentate als Angriff auf die Menschenrechte der französischen Verfassung verstanden haben. Aber ich fand es viel bezeichnender, als die Leute in Paris trotz allem wieder auf die Straßen gegangen sind. Sie haben ihr Leid mit den anderen geteilt, ihre Angst gezeigt, Blumen und Kerzen hinterlegt. Das war für mich viel solidarischer als jedes Profilbild, das danach in einer Trikolore erstrahlt ist."

Claudia Chruszczyk, science.ORF.at

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