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Computertastatur und menschliche Hand im digital space

Barrierefrei ins Internet

Ab 1. Jänner 2016 müssen in Österreich laut Gesetz alle Güter und Dienstleistungen barrierefrei - also ohne fremde Hilfe - erreichbar sein. Was weniger bekannt ist: Auch Webseiten dürfen dann keine Hürden mehr aufweisen. Wie die Inhalte für blinde und körperlich eingeschränkte Menschen les- bzw. hörbar werden, erklären Experten.

Gesetz 28.12.2015

Bunte Bilder, Filme und Sound - das Internet ist heute zwar ein multimediales Medium, im Mittelpunkt steht aber nach wie vor das Aussehen der Webseiten. Ist der Aufbau gelungen, kann man mit einem Blick erfassen, wo man welche Informationen findet, vorausgesetzt man sieht gut.

Was aber machen sehbehinderte oder blinde Menschen? "Blinde Personen konsumieren eine Webseite völlig anders als sehende", erklärt Christian Beck aus der Forschungsgruppe Angewandte Assistierende Technologien an der Technischen Universität Wien gegenüber science.ORF.at. Ihnen fehle die Übersicht, die ein Sehender dank der zweidimensionalen Darstellung automatisch hat.

Automatische Vorleser

Um das Internet dennoch benutzen zu können, verwenden Sehbehinderte heute sogenannte Screenreader, die einem aus dem Netz vorlesen. Aber - und das ist das Entscheidende - die Webseite selbst muss die technischen und gestalterischen Voraussetzungen mitbringen, damit der elektronische Vorleser überhaupt etwas Sinnvolles vorlesen kann. "Ohne entsprechende Programmierung hilft die beste Vorlese-Software nichts", so Georg Edelmayer, der gemeinsam mit Christian Beck an der TU Wien eine Lehrveranstaltung zu "barrierefreiem" Internet leitet.

Die Seiten müssen also so aufgebaut sein, dass Inhalte durch automatisierte Techniken ausgelesen werden können. Das ist einer der zentralen Punkte, der sich in den Web Content Accessibility Guidelines, Version 2.0 findet, die nach einer zehnjährigen Übergangsfrist ab 1. Jänner 2016 auch rechtlich verbindlich sind.

Strukturen und Inhalte

Die Technologien ermöglichen es sehbehinderten Menschen unter anderem, sich einen Überblick über die jeweilige Seite zu verschaffen, indem sie den Screenreader bitten, nur die Überschriften oder die Links vorzulesen. Das heißt dann zum einen, dass Seiten nicht zu viele Links haben sollen. "Wenn eine Seite 300 Links hat, kann das für eine blinde Person recht mühsam werden", so Beck.

Daher sollte sinnvollerweise auch immer nur ein Link zu einem Beitrag gehen und nicht - wie es auch bei den Artikeln auf science.ORF.at der Fall ist - mehrere, in diesem Fall drei, Links zu demselben Beitrag führen. Im Allgemeinen ist die Wissenschaftsseite aber schon recht gut aufgebaut, meinen die beiden Experten. Man merke, dass die Barrierefreiheit bei der Programmierung berücksichtigt wurde - im Gegensatz zu jener von vielen anderen Seiten.

Nicht nur strukturell, auch inhaltlich gilt es bei der Linkgestaltung einiges zu bedenken. Sie sollten z.B. sinnvoll beschriftet sein: Nur so lässt sich erkennen, ob sich hinter dem Link etwas Interessantes verbirgt. Das ist laut Beck häufig nicht gewährleistet: "Wenn ich eine Webseite habe, wo typischerweise immer ein kurzer Artikel steht und darunter ein Link mit 'Mehr', dann muss die blinde Person zwanzig Mal das Wort mehr hören, weiß aber nicht, wozu 'Mehr'." Auch sollte sich hinter dem Link keine lange Zahl verbergen, wie es bei vielen Content Management Systemen der Fall ist.

Inhalte zugänglich

Bilder und Videos sind ebenfalls häufig ein Problem. Sofern sie nicht nur dekorativ sind, müssen sie sprachlich beschrieben werden, damit ein Screenreader die Inhalte auslesen kann. Wenn etwa Bilder wie z.B. bei der oe1.ORF.at-Seite auch Inhalte enthalten, sollten diese auch für Sehbehinderte zugänglich sein - was in diesem Fall leider nicht so ist.

Der Screenreader kann zwar den alternativen Text zu den Fotos auslesen, aber nicht die Überschriften zu den Beiträgen - denn die verschwinden in den Bildern. Die Verantwortlichen der Seiten werden sich bemühen, das anzupassen. Bei historisch gewachsenen Webseiten kann die Anpassung aber etwas mühsamer und langwieriger sein, wie die beiden TU-Experten einräumen.

Wichtig ist also vor allem, dass der Inhalt zugänglich ist, wie das Ganze aussieht, sei dabei zweitrangig, sagt Edelmayer: "Alle Materialien müssen so gestaltet sein, dass der darin vorkommende Text auslesbar ist. Ich muss die Website, das PDF-Dokument - was auch immer - so gestalten, dass die darin enthaltene Information - und darum geht es in letzter Konsequenz - für alle zugänglich ist."

Benutzbarkeit mitdenken

Für alle heißt: Alle Menschen, die in irgendeiner Form bei der Nutzung des Internets eingeschränkt sind. Das betrifft nicht nur sehbehinderte und blinde Menschen, auch Hörbehinderungen und jegliche Art der körperlichen Behinderung dürfen kein Hindernis darstellen, Informationen aus dem Internet zu verwenden. Das heißt auch, dass Webseiten komplett über die Tastatur bedienbar sein müssen, denn der Umgang mit der Maus und einem Touchpad ist nicht für alle selbstverständlich und für manche schlichtweg unmöglich.

Öffentliche Seiten müssen übrigens schon länger barrierefrei sein. Es habe sich auch schon sehr viel getan, so die Experten. Lobend erwähnen sie z.B. die Webseite der Gemeinde Wien, die sogar bei komplizierten Inhalten eine Version in einfacher Sprache enthält - auch dies ist ein Punkt in den Richtlinien, der aber nur sehr allgemein festgeschrieben ist: Man solle eine Sprache verwenden, die so einfach wie möglich ist.

Betroffene fragen

Und wie sieht es mit der Umsetzung aus? Wenn man die Grundsätze des modernen Webdesigns beachtet - bei dem Inhalte sauber vom Programm getrennt sein sollen, sei das gar nicht so schwierig und auch nicht sehr teuer, so Edelmayr: "Im Allgemeinen kann man, wenn man sich auskennt, mit relativ wenig Aufwand schon relativ viel erreichen. Mit wenigen Eingriffen in eine nicht ganz so optimale Webseite ist man schon relativ weit." Außerdem gebe es eine Menge gratis verfügbarer Werkzeuge, mit denen man die Barrierefreiheit überprüfen und sich beim Programmieren helfen lassen kann.

"Wenn man sich gar nicht auskennt oder es ein sehr großes Projekt ist, kann man auch einfach Betroffene und Behindertenorganisationen fragen: 'Könnt's Ihr Euch das bitte anschauen?', ergänzt Edelmayr.

Behindertenorganisationen werden sich in den nächsten Wochen und Monaten wohl auch genau anschauen, inwieweit die neue Regelung umgesetzt wurde, denn mit dieser gibt es nun erstmals rechtliche Mittel, um im Ernstfall auf Schadenersatz wegen Diskriminierung zu klagen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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