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Der Schatten einer mit Skifahrern besetzten Gondel

Gratwanderung: Nachhaltiger Wintertourismus

Grüne Landschaften, weiße Kunstschneebahnen: So zeigen sich aktuell Österreichs Skigebiete. Keine Frage, der Klimawandel hat den Wintersport verändert. Für die Skigebiete bedeutet das, sich einerseits an diese Veränderungen anzupassen und andererseits der Umwelt und dem Klima durch Beschneiung und Co. nicht zu schaden.

Tourismus 30.12.2015

Kitzsteinhorn, Salzburg: Das Gletscherskigebiet gilt vielen als Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit. So versorgt ein spezielles Pump- und Kleinkraftwerk die Schneeturbinen nachhaltig mit Energie – das heißt, im Winter pumpt die Anlage Wasser zur Beschneiung auf den Berg, im Sommer wandelt sie das bergabfließende Schmelzwasser in Strom um. Auf diese Weise werden 70 Prozent des winterlichen Strombedarfs gedeckt.

Nachhaltigkeit in Skigebieten

Darüber hinaus bepflanzt man die kahlen Pistenhänge während der Sommermonate mit Gras, und die Gastronomie bezieht Waren aus Mehrwegbehältern, um Müll zu sparen. Für dieses Engagement wurde das Skigebiet vor wenigen Jahren mit dem "pro natura – pro ski AWARD" ausgezeichnet – einer in Liechtenstein ansässigen Stiftung, die "Eigeninitiative zur nachhaltigen Nutzung und Aufwertung von Skigebieten" unterstützt.

Dass Skitourismus nachhaltig sein kann, davon ist auch der Forstwirt und Sozialwissenschaftler Tobias Luthe von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) im schweizerischen Chur überzeugt. "Natürlich ist es dabei nicht möglich, sich jedes Jahr eine neue Ausrüstung zu kaufen und auf der Jagd nach dem besten Schnee, um die Welt zu fliegen", erklärte er gegenüber science.ORF.at.

Zur Person

Tobias Luthe ist Leiter für Forschung und Dienstleistung und Professor für Nachhaltigkeitswissenschaft an der HTW Chur. Seit 2005 ist er Dozent für Nachhaltigkeitsmanagement an der Universität Freiburg i. Brsg., Zentrum für Schlüsselqualifikationen. Als Skihochtourenführer und staatlich geprüfter Skilehrer ist er freiberuflich in nachhaltiger Tourismusentwicklung sowie als Skihochtouren- und Wildnisguide aktiv.

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Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmete sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 30.12., 13.55 Uhr.

An- und Abreise verursachen am meisten CO2

Vor allem in diesem Punkt der An- und Abreise gibt es ein großes Potenzial, Wintersport klimafreundlicher zu machen, so Luthe: "Wenn man den CO2-Fußabdruck misst, zeigt sich, dass bei einem durchschnittlichen einwöchigen Skiurlaub 75 Prozent der CO2-Emissionen auf das Konto von An- und Abreise sowie Mobilität vor Ort gehen. Beschneiung, Pistenpräparation und Liftanlagen fallen – je nach Größe des Skigebiets – mit fünf bis acht Prozent vergleichsweise gering aus, Restaurants und Hotels machen den Rest."

Das bedeutet zwar nicht, dass Kunstschneepisten ökologisch unproblematisch sind – insbesondere die Vegetation auf den Hängen leidet unter den dichten Kunstschneedecken –, aus Sicht der Klimaerwärmung spielen sie aber eine geringere Rolle.

Umweltfreundliche Mobilität

Um die CO2-Bilanz zu verbessern, setzen daher einige Skigebiete unter anderem auf eine umweltfreundliche Mobilität. So sorgt beispielsweise im französischen Skigebiet Les Gets in Haute-Savoie ein Verkehrsnetz aus Pendlerbussen, elektronischen Fahrzeugen und Regionalzügen dafür, dass die Skifahrer und Snowboarder klimaschonend die umliegenden Gebiete erreichen.

Auch Pralognan-la-Vanoise im französischen Savoyen stellt elektronische Fahrzeuge zur Verfügung, die das Dorf mit den Skipisten und Wanderrouten verbinden.

Für diese Bemühungen, sanften und umweltfreundlichen Tourismus zu betreiben, wurden diese Skigebiete in das "Alpine Pearls"-Register aufgenommen, zu denen, neben 27 weiteren Urlaubsorten in Europa, auch das Skigebiet Hinterstoder in Oberösterreich gehört.

Nachhaltigkeit wird unterschiedlich gemessen

Für den Umweltwissenschaftler ist dieses Engagement zwar vorbildlich, "allerdings sollte man auch ganz klar sagen, dass es in Sachen Nachhaltigkeit noch sehr viel zu tun gibt. Einerseits bei der Kommunikation – den meisten Konsumenten ist gar nicht bewusst, welchen Einfluss sie aufs Klima haben. Andererseits bei der Nachhaltigkeitsmessung – hier stehen wir nämlich noch ganz am Anfang."

Noch gebe es zu viele verschiedene Messinstrumente, die berechnen, wie nachhaltig ein Skigebiet ist, die nicht vergleichbar sind, so der Umweltwissenschaftler: "Es ist leider immer wieder so, dass viele Akteure ihr eigenes Süppchen kochen, was nicht unbedingt zielführend ist. Im Tourismus allgemein haben wir gut 150 verschiedene Labels – ein wahrer Dschungel –, im alpinen Tourismus sind es 15, die weder normiert noch koordiniert sind. Hier eine Einheitlichkeit zu schaffen ist enorm wichtig, will man das Ziel eines umweltschonenden Wintertourismus tatsächlich erreichen – schließlich muss ich wissen, wo ich wirklich ansetzen muss, um etwas zu verändern."

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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