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Munition aus einer der Kisten im entdeckten Waffendepot

Das Waffenlager aus dem Kalten Krieg

In einer schmucken Siedlung im 13. Wiener Gemeindebezirk wurde im Juni 2014 ein Waffendepot aus dem Kalten Krieg gefunden. Wie sich jetzt herausstellt, handelt es sich dabei wohl um das letzte große unentdeckte Waffenlager der Briten in Österreich.

Zeitgeschichte 09.02.2016

In der Nachkriegszeit hatten die Besatzungsmächte USA und Großbritannien dutzende derartige Depots in ganz Österreich angelegt. Ihr Zweck: Im Kriegsfall mit der Sowjetunion sollten Widerstandskämpfer bewaffnet werden.

Dutzende Kilo Sprengstoff

Im Jahr 2011 hatte sich eine Wiener Jungfamilie ihren ganz persönlichen Traum vom Haus im Grünen endlich erfüllt. Auf einem kleinen Grundstück, unweit der Stadtgrenze, sollte der Traum vom stillen Glück im trauten Heim Wirklichkeit werden. Nach einem aufwendigen Bauverfahren konnte im Juni 2014 schließlich der Spatenstich erfolgen – doch schon am nächsten Tag wurde ein Baustopp verfügt. Denn in knapp zwei Metern Tiefe stieß der Baggerfahrer, der Aushubarbeiten durchführte, auf ein geheimnisvolles Depot.

"Der Baggerfahrer ist auf Munitionskisten gestoßen", erinnert sich Dagmar Vala, die Grundstücksbesitzerin. "Am Anfang waren wir neugierig, daraus ist dann aber Angst geworden. Wir hatten Angst um unsere Sicherheit, Angst um unser Kind, Angst, ob wir überhaupt weiterbauen können." Beamte der Polizei und des Entminungsdienstes sicherten im Garten der Familie schließlich kistenweise Waffen und Munition, sowie dutzende Kilo Sprengstoff.

Literatur

Erwin A. Schmidl: "Österreich im frühen Kalten Krieg 1945 – 1958. Spione, Partisanen und Kriegspläne", Böhlau Verlag, Wien 2000
Otto Klambauer: "Der Kalte Krieg in Österreich: Vom Dritten Mann zum Fall des Eisernen Vorhangs", Ueberreuter Verlag 2000
Thomas Riegler: "Strukturen für den geheimen Krieg: Die CIA-Waffenlager, die Netzwerke des Dr. Höttl und das 'Sonderprojekt'", in: Bananen, Cola, Zeitgeschichte: Oliver Rathkolb und das lange 20. Jahrhundert, Böhlau Verlag Wien 2015
Walter Blasi/Wolfgang Etschmann: "Überlegungen zu den britischen Waffenlagern in Österreich", in Walter Blasi, Erwin A. Schmidl, Felix Schneider (eds.), B-Gendarmerie, Waffenlager und Nachrichtendienste. Der militärische Weg zum Staatsvertrag (Köln, Weimar und Vienna: Böhlau, 2005), 139–153.

Sendungshinweis

Einen ausführlichen Beitrag zum Waffenlager in Wien-Lainz sehen sie am 9. 2. in der ZIB 2, ab 22:35 Uhr in ORF 2.

Einige der entdeckten Waffen

Privat

Einige der entdeckten Waffen

Nach einer offiziellen Anfrage des ORF im vergangenen Herbst berichtet das Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport (BMLVS), dass insgesamt "230 Kilogramm Kriegsmaterial" sichergestellt wurden. Nur wenige Tage nach dem Zufallsfund vermelden einige Tageszeitungen, dass in diesem Depot "Weltkriegswaffen" gefunden wurden.

Tatsächlich stammt das Depot aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. "In den Kriegsplanungen der Westalliierten ist man anfangs davon ausgegangen, einen Angriff der Sowjetarmee zuerst einmal nicht aufhalten zu können", sagt Historiker Thomas Riegler, der sich mit diesem wenig bekannten Kapitel des Kalten Krieges beschäftigt hat. "Um die Bedingungen für eine Gegenoffensive vorzubereiten, sollten geheime Kommandos hinter der Front aktiv werden. Und für deren Einsatz hatte man geheime Waffenlager angelegt", sagt der Historiker Riegler.

20 Lager in Kärnten

Erstmals entdeckt wurden britische Waffenlager auf dem österreichischen Staatsgebiet in Kärnten, Ende der 1950er-Jahre. Bis zum Jahr 1965 konnten die österreichischen Behörden – dank Informationen aus England – insgesamt 20 größere britische Waffenlager in Kärnten räumen.

Das südlichste Bundesland Österreichs stellte in den strategischen Überlegungen der Briten und US-Amerikaner ohne Zweifel einen Sonderfall dar: "Kärnten war ein neuralgischer Punkt, weil es direkt am Eisernen Vorhang gelegen ist, gegenüber Jugoslawien. Strategisch wichtig war auch die sogenannte Laibacher Pforte, der Durchgang in Richtung Oberitalien. Für die Briten war das eine heiße Zone", erklärt Riegler.

Munition in einer Kiste

privat

Munition in einer der Kisten

Während die britischen Lager in Kärnten alle in Waldgebieten oder Bergwerksstollen angelegt wurden, vergrub man das Depot in Wien-Lainz auf einem Privatgrundstück. In diesem Zusammenhang von Relevanz ist ein Schriftstück der Nachrichtengruppe des Bundesministeriums für Landesverteidigung, dem Vorläufer des heutigen Heeresnachrichtenamtes, vom 17. November 1965.

Darin werden drei noch unentdeckte britische Waffenlager aufgelistet, zwei davon in Kärnten, eines in Wien-Lainz. Dieses Lager sei auf einem Privatgrundstück deponiert. Weiter heißt es: "Das Waffendepot wurde so angelegt, dass es erst nach Beseitigung einer Betonmauer zugänglich ist."

Ungewöhnliche Betonplatte

Das Waffenlager am Grund von Dagmar Vala war auch mit einer Betonmauer (siehe Foto unten) gesichert, direkt darunter stieß der Bagger auf lose Ziegel, wiederum darunter auf eine Wellblechplatte. Es spricht sehr viel dafür, dass dieses Depot das im Geheimdienstbericht erwähnte Lager ist. "Damit ist das letzte große Waffenlager gehoben worden", sagt Historiker Thomas Riegler.

Grabungsarbeiten auf dem Grundstück in Wien

privat

Die Betonmauer auf dem Grundstück in Wien

In der beschaulichen Siedlung am Stadtrand von Wien blühen seit dem Zufallsfund die Gerüchte. Getuschelt wird dabei zumeist über die letzte Besitzerin des Grundstücks, eine alleinstehende Frau, die den kleinen Grund samt Häuschen laut Grundbuch seit 1952 besessen hatte.

Manche haben sie, beziehungsweise ihr engstes familiäres Umfeld, im Verdacht, während der Besatzungszeit mit britischen Militärs gemeinsame Sache gemacht zu haben. Fast niemand hier glaubt, dass die im Jahr 2010 verstorbene Frau vom hochexplosiven Waffenschatz in ihrem Garten nichts gewusst hat. Doch verifizieren lässt sich das bisher nicht.

Gregor Stuhlpfarrer, Universum History

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