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Schädel von Australopithecus sediba

Der moderne antiquierte Vormensch

Wer war der direkte Vorfahre der Gattung Homo? Manche Forscher tippen auf Australopithecus sediba. Dieser Vormensch war, wie neue Untersuchungen zeigen, überraschend modern gebaut - und zugleich antiquiert: Ein evolutionäres Erfolgsmodell wurde sein Körperbau nicht.

Australopithecus sediba 08.02.2016

Vor gut zwei Millionen Jahren wurde das Tier zum Menschen. Oder in der Terminologie der Anthropologen: Damals ging die Gattung Australopithecus in die Gattung Homo über. Homo habilis war der erste in dieser Reihe, ein paar Hunderttausend Jahre später folgte Homo erectus - der erste Exportschlager unserer Gattung: Er verließ Afrika und stieß bis Europa und Asien vor.

"Die Entwicklung zum Menschen war bei Homo erectus im Wesentlichen gelaufen", sagt Gerhard Weber, Anthropologe an der Universität Wien. "Er war uns bereits sehr ähnlich und konnte gut auf zwei Beinen gehen. Ich gehe davon aus, dass er mit uns problemlos an einem 10.000-Meter-Lauf hätte teilnehmen können."

Menschenvorfahren: Mehrere Kandidaten

Für die Ära davor lassen die fossilen Befunde unterschiedliche Interpretationen zu. Die meisten Anthropologen favorisieren Australopithecus afarensis - durch das Fossil "Lucy" zu einiger Prominenz gelangt - als den direkten Vorfahr der Gattung Homo.

Andere setzen auf den erst 2008 in Südafrika entdeckten Australopithecus sediba. Dieser war in mancher Hinsicht noch recht "äffisch" gebaut. Auf zwei Beinen gehen konnte er wohl kaum besser als ein Schimpanse, und auch sein Gehirn war vergleichsweise winzig.

Die Studie

"Mechanical evidence that Australopithecus sediba was limited in its ability to eat hard foods" von Justin A. Ledogar und Kollegen ist am 8. Februar 2016 in "Nature Communications" erschienen.

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet auch Wissen aktuell, 9.2., 13.55 Uhr.

Anthropologe Gerhard Weber hält fossilen Schädel

Czepel/ORF

Der Forscher und sein Forschungsgegenstand: Gerhard Weber mit Australopithecus

Andererseits wies sein Skelett einige moderne Features auf: Seine beweglichen Hände waren möglicherweise für differenzierten Werkzeuggebrauch geeignet, und sein Gesicht hatte - so wie bei uns - ein flaches Profil. Die hervorspringende Mund- und Kieferpartie, die Menschenaffen heute noch auszeichnet, besaß er nicht mehr.

A. sediba war kein guter Beißer

Die Gesichtsform und die Stellung der Kaumuskeln von Australopithecus sediba veranlassten Forscher zu der Vermutung, er sei besonders gut an harte Nahrung, wie Samen, Nüsse oder Baumrinde angepasst gewesen. Eine Vermutung, die aller Wahrscheinlichkeit nach falsch ist.

Gerhard Weber hat nun die Anatomie des Vormenschen in ein Computermodell übersetzt - und dabei nachgewiesen: Hätte dieser tatsächlich mit voller Kraft zugebissen, "hätte er sich wohl den Kiefer ausgerenkt", sagt Weber.

Woraus folgt: Er hatte weichere Nahrung zur Verfügung. Und er setzte wohl in Ernährungsfragen auf eine andere Strategie als robuste Vertreter der Gattung Australopithecus, die mit ihren riesigen Kiefern und Zähnen tatsächlich dem Ernährungstypus "Nussknacker" zuzurechnen sind.

Der fossile Schädel eines Australopithecus sediba sowie ein Schädelmodell, das die Belastung während des Beißens auf die Vormahlzähne zeigt ("warme" Farben  hohe, "kühle" Farben schwache Belastung)

Brett Eloff, University of the Witwatersrand

Der fossile Schädel eines Australopithecus sediba sowie ein Schädelmodell, das die Belastung während des Beißens auf die Vormahlzähne zeigt ("warme" Farben hohe Belastung , "kühle" Farben schwache Belastung)

Konkurrenz durch Hominiden

A. sediba ist so gesehen ein evolutionäres Mischwesen: fortschrittlich in Sachen Ernährung, altertümlich in seiner Fortbewegung. Ersteres ist laut Weber wohl ein Mitgrund dafür, dass die Art so lange existierte. Australopithecus sediba war nämlich noch am Leben, als die Hominiden längst auf den Plan getreten waren. Gegen deren elaborierte Lauf- und Jagdtechnik hatte er auf lange Sicht gesehen aber keine Chance.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich Afrika vor zwei Millionen Jahren in einer klimatischen Umbruchphase befand. Die Wiege der Menschheit trocknete aus, und die zusehends knappe Nahrung machte eine Spezialisierung der Ernährung notwendig.

Dieser klimahistorische Befund fügt sich denn auch in die unter Forschern verbreitete Ansicht, die Ernährung sei ein, wenn nicht sogar der Hauptfaktor für die Entwicklung zum Menschen gewesen. Auch Homo erectus hätte von seiner Anatomie her stark zubeißen können. Allein, er musste es nicht: Er aß bereits deutlich mehr Fett und Fleisch als seine Vorfahren und bereitete mit dem erwirtschafteten Überschuss an Energie und Protein weitere Volumenzuwächse des Gehirns vor.

Auf die Spitze getrieben hat diese Entwicklung schließlich Homo sapiens. Das Gebiss des modernen Menschen ist vergleichsweise zart gebaut, sein Gehirn dagegen ein absoluter Energiefresser: Es macht bloß zwei Prozent der Körpermasse aus, verbraucht aber ein Fünftel der Kalorien.

Robert Czepel, science.ORF.at

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