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Eine Nervenzelle unter dem Mikroskop

Der Placeboeffekt lässt sich trainieren

Dass Scheinmedikamente wirken können, ist hinlänglich bekannt. Eine Studie an Parkinson-Patienten zeigt nun, dass sogar einzelne Neuronen auf ein Placebo reagieren, aber erst nachdem sie durch ein wirksames Medikament trainiert worden sind.

Hirnforschung 10.02.2016

Bekannt ist der Effekt schon seit hunderten Jahren: Wirkungslose Pillen und andere Scheinbehandlungen können Symptome lindern. Hauptsache, es wird irgendetwas getan, dann geht es Kranken schon besser - eine Erfahrung, die jeder Hausarzt macht.

Die Studie in "The Journal of Physiology":

Teaching neurons to respond to placebos" Von F. Benedetti et al., erschienen am 10. Februar 2016.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen aktuell am 10.2. um 13:55.

Warum die eigentlich nutzlosen Präparate wirken, ist nur teilweise klar. Erst in den vergangenen Jahrzehnten widmen sich Forscher vermehrt der Aufklärung. Denn wüsste man, welche Mechanismen dahinterstecken, könnte man den Plazeboeffekt gezielt für Behandlungen nutzen und damit nebenwirkungsreiche und teure Medikament einsparen.

Warum Placebos wirken

Eine wesentliche Rolle dürfte die Erwartung der Patientin oder des Patienten spielen. Immerhin rechnet dieser damit, dass man ihm eine wirksame Behandlung verabreicht. Wie sehr, hängt zudem vom betreuenden Mediziner ab. Denn er kann Kranke davon überzeugen, dass Medikamente oder andere Therapien auch tatsächlich hilfreich sind.

Dennoch reagieren nicht alle Menschen auf Scheinbehandlungen, sondern nur sogenannte Placebo-Responder, wie sie in der Medizin bezeichnet werden, tun es. Was die beiden Gruppen unterscheidet, ist unklar. Diskutiert werden in diesem Zusammenhang bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, aber auch körperliche und genetische Faktoren könnten beteiligt sein.

Ob jemand auf eine Scheinbehandlung anspricht oder nicht, ist jedoch möglicherweise weniger in Stein gemeißelt, als man annehmen möchte. Vielleicht lässt sich die Plazeboreaktion auch lernen bzw. trainieren. Diesen Schluss legt die aktuelle Untersuchung der Forscher um Fabrizio Benedetti von der Universià degli Studi di Torino nahe.

Messungen im Gehirn

Wie schon in früheren Arbeiten des italienischen Plazeboexperten wurde der Effekt an Parkinson-Patienten untersucht. Morbus Parkinson sei eine interessante Modellkrankheit für die Plazeboforschung, denn das Phänomen ist hier besonders weitreichend dokumentiert, schreiben die Autoren.

Zudem lasse sich der Plazeboeffekt im Hirn der Betroffenen tatsächlich messen. Sie schütten vermehrt Dopamin aus. Und außerdem könne man bei manchen Patienten die Aktivität einzelner Neuronen aufzeichnen. Möglich macht das eine bei der neurodegenerativen Erkrankung häufige Behandlung: die Tiefe Hirnstimulation, umgangssprachlich bezeichnet man dieselbe auch als Hirnschrittmacher.

Bei dem neurochirurgischen Eingriff werden Elektroden ins Gehirn gepflanzt, um direkt Neuronen zu stimulieren. Das soll gegen die für Parkinson typischen Bewegungsstörungen helfen. Andererseits lässt sich durch die Elektroden für Studienzwecke auch die Aktivität der Nervenzellen messen.

Die Wirkung trainieren

Für die Probanden in Benedettis Studie war die Operation bereits vorgesehen. Parallel haben die Forscher die Wirkung eines gängigen Parkinson-Medikaments, Apomorphin, mit jener einer wirkungslosen Salzlösung verglichen. Erfasst wurden dabei sowohl die symptomatischen als auch die neurologischen Veränderungen im Gehirn.

Wenn die Patienten zuerst das Plazebo injiziert bekamen, geschah gar nichts, weder besserten sich die Symptome noch veränderte sich die neuronale Aktivität. Hatten die Kranken jedoch zuerst eine wirksame Dosis Apomorphin erhalten, wirkte auch das Plazebo am nächsten Tag. War der Wirkstoff vier Tage hintereinander verabreicht worden, wirkte die Salzlösung am vierten Tag genauso wie das Medikament, sowohl symptomatisch als auch im Gehirn. Und dieser Effekt hielt 24 Stunden an.

Zum Plazebo-Responder "umprogrammieren"

"Die Ergebnisse zeigen, dass man einzelnen Nervenzellen beibringen kann, auf ein Plazebo zu reagieren", erklärt Benedetti in einer Aussendung. Lernen spielt offenbar auch beim Plazeboeffekt eine entscheidende Rolle. Vergleichen kann man das laut den Forschern mit dem menschlichen Schmerzgedächtnis. Dabei treten die Beschwerden selbst dann noch auf, wenn ihre Ursache längt behoben ist. Das Resultat der aktuellen Studie lege nahe, dass man jeden Menschen, der nicht auf Scheinmedikation anspricht, mit entsprechendem Training in einen Plazebo-Responder verwandeln könnte.

Der Trainingseffekt könnte laut den Forschern auch für die klinische Praxis wichtig werden. "Offenbar gibt es ein Gedächtnis für die Wirksamkeit von Medikamenten. Wenn man Wirkstoffe und Plazebosubstanzen zumindest alternierend einsetzen könnte, müssten Patienten weniger Medizin zu sich nehmen und würden dennoch dieselbe Besserung ihrer Beschwerden erfahren", so Benedetti.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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