Standort: science.ORF.at / Meldung: "Gleich und gleich gesellt sich gleich"

Drei Frauen mit langen braunen Haaren,alle drei haben das gleiche blaue Kleid an

Gleich und gleich gesellt sich gleich

Werden wir unseren Freunden und Partnern in langen Beziehungen immer ähnlicher? Oder finden wir sie von Beginn an genau deshalb attraktiv, weil sie so sind wie wir? Eine Real-Life-Studie von US-Psychologen spricht eindeutig für Zweiteres: Ähnlichkeit ist ihnen zufolge die Voraussetzung, dass sich die Beziehung entwickeln kann.

Psychologie 24.02.2016

"Andere, die einem ähnlich sind, als Beziehungspartner auszusuchen, ist extrem weit verbreitet", sagt die Studienleiterin Angela Bahns vom Wellesley College bei Boston. Der Effekt sei so stark, dass sie von einer "psychologischen Standardeinstellung" spricht.

Die Studie

"Similarity in Relationships as Niche Construction: Choice, Stability, and Influence within Dyads in a Free Choice Environment " von Angela Bahns und Kollegen ist am 23. Februar 2016 im "Journal of Personality and Social Psychology" erschienen.

Daten zu mehr als 3.000 Menschen

Was halten Sie von lauter Musik? Ist die Familie das Wichtigste im Leben? Was halten Sie von Homosexuellen? Machen Sie Sport? Und wie stehen Sie zu Drogen? Fragen wie diese haben die Forscher den Teilnehmern und Teilnehmerinnen ihrer Studie gestellt. Sie haben sie dazu nicht – wie oft bei psychologischen Experimenten – ins Labor gebeten, sondern im echten Leben "abgeholt". Konkret: am Campus von US-Universitäten und Colleges.

Egal ob in der Cafeteria, in der Bibliothek oder an anderen öffentlichen Plätzen: Überall dort, wo sie zwei Menschen miteinander im Gespräch sahen, fragten sie diese, ob sie bei der Studie mitmachen wollen. Herausgekommen sind dabei Daten zu mehr als 1.500 Pärchen.

Der Methode gemäß waren sehr unterschiedliche dabei: jüngere und ältere Menschen, Freunde und Freundinnen, Zufallsbekanntschaften, Leute, die sich gerade kennengelernt hatten und – zu einem geringen Teil – auch Liebespaare.

86 Prozent aller Merkmale ähnlich

Die Antworten zu Persönlichkeit, Eigenschaften, Werten, Vorurteilen und Hobbies wertete das Team um Angela Bahns danach statistisch aus. Und lieferte Resultate, die in der Eindeutigkeit auch für die Forscher selbst überraschend war. Die Vorliebe für Menschen, die einem ähnlich sind, zieht sich nämlich durch alle Pärchen, egal wie lange und gut sie sich kennen.

Die Neigung bezieht sich nicht nur auf einige bestimmte Merkmale, sondern "auf alle Bereiche, die wir untersucht haben", sagt Angela Bahns in einer Aussendung. Bei 86 Prozent aller untersuchten Eigenschaften oder Einstellungen habe es statistisch signifikante Übereinstimmungen gegeben. "Je wichtiger einem diese Merkmale sind, desto größer ist der Wunsch nach Ähnlichkeit", so Bahns.

Ähnlichkeit vor dem Kennenlernen

Daraus schließen die Psychologen, dass sich "Gleiches zu Gleichem von Beginn an gesellt". Menschen werden einander also im Lauf einer Freundschaft oder einer Liebesbeziehung nicht ähnlicher, sondern sie sind es von den ersten Momenten an.

Das bestätigen auch die Resultate von zwei weiteren Experimenten, die die Psychologen durchgeführt haben. Dabei verfolgten sie das Schicksal von Studierenden, die sich bei einer Einführungsveranstaltung kennengelernt hatten.

Jene, die später im Verlauf des Semesters Freunde wurden, waren einander statistisch signifikant ähnlicher als die anderen – und zwar schon bevor sie sich kennengelernt hatten. "Ähnlichkeit ist wichtig, um den Schritt vom ersten zum zweiten Gespräch zu gehen", schreiben die Forscher.

Freunde und Freundinnen als Nischen

Dies alles spreche für eine Freundschaftsstrategie, die in der Biologie Nischenkonstruktion genannt wird. Lebewesen werden demnach nicht nur von ihrer Umwelt geprägt, sondern sie prägen auch aktiv ihre Umwelt: Sie richten sich "Nischen" ein, in denen sie gut leben kennen. Freunde und Freundinnen können solche Nischen sein.

"Man versucht, sich eine soziale Welt zu schaffen, in der man sich wohl fühlt, in der man erfolgreich ist und es Menschen gibt, denen man vertraut und mit denen man gut für die eigenen Ziele zusammenarbeiten kann", erklärt der Psychologe und Studienmitautor Chris Crandall von der Universität Kansas. "Ähnlichkeit ist dabei sehr hilfreich, weshalb die Menschen meistens davon angezogen werden."

Meistens – aber nicht immer. Denn mit ähnlichen Freunden kann man zwar gut reden, ausspannen und Spaß haben, sie liefern aber wenig neue Inputs. Im sozialen Leben bedürfe es auch neuer Herausforderungen, betont deshalb Crandall. "Man braucht auch Leute mit neuen Ideen, die einen verbessern, wenn man etwas verrückt ist. Wenn man nur mit Leuten herumhängt, die genauso verrückt sind wie man selbst, kann man die große, schön-diverse Welt aus den Augen verlieren."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: