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Stapel bunter Fachzeitschriften

Ökonomie besteht Qualitätstest

Reproduzierbarkeit ist ein wissenschaftliches Kernprinzip. Nur das, was sich wiederholen lässt, gilt als belegt. Wie häufig das bei Experimenten in der Wirtschaftsforschung gelingt, hat eine Studie nun überprüft: nämlich in 61 Prozent aller Fälle. Das sei mehr als in anderen Disziplinen.

Experimente 04.03.2016

Dass es um die Reproduzierbarkeit etwa in der Psychologie oder in der Medizin nicht immer zum Besten steht, wurde in jüngerer Vergangenheit gezeigt. Die Frage, wie es darum in der experimentellen Wirtschaftsstudien bestellt ist, haben sich auch Michael Kirchler, Felix Holzmeister, Jürgen Huber und Michael Razen von der Uni Innsbruck gestellt.

In Zusammenarbeit mit Kollegen aus den USA, Singapur und Schweden haben sie 18 in einer renommierten Fachzeitschrift veröffentlichte experimentelle Studien aus der Verhaltensökonomik wiederholt - in elf Fällen kamen sie im Kern zu den gleichen Ergebnissen.

Die Studie in "Science":

"Evaluating replicability of laboratory experiments in economics" von Colin F. Camerer et al., erschienen am 3. März 2016.

Darunter war auch eine Innsbrucker Studie zum Verhalten am Aktienmarkt. Diese wurde beispielsweise von schwedischen Kollegen in Frankfurt - erfolgreich - repliziert. "Das wussten wir aber nicht", so wie generell bis kurz vor der Publikation der Studie nur eine Person wusste, wessen Experiment wo wiederholt wurde, erklärte Kirchler im Gespräch mit der APA. "Daher glaube ich, dass das methodisch sehr sauber abgelaufen ist."

Elf wiederholte Ergebnisse

Angesichts von insgesamt elf wiederholten Experimenten mit statistisch signifikantem Effekt in Richtung der Originalstudie waren die Innsbrucker Forscher in guter Gesellschaft. "Drei weitere Studien verfehlten dieses Ziel nur knapp", so Kirchler.

Die Forscher ließen im Vorfeld der Wiederholungsstudie auch rund 100 zufällig ausgewählte Vertreter ihrer Disziplin eine Einschätzung über die Replizierbarkeit der Studien abgeben. Auf einem "Online-Prognosemarkt" konnten diese mit ihren Einschätzungen sogar handeln.

"Herausgekommen ist, dass die Leute geglaubt haben, dass 75 Prozent der Studien repliziert werden" und auch die Treffsicherheit der Forscher für Studien, die wieder zum "richtigen" Ergebnis kamen, war relativ hoch. Kirchler: "Das heißt, die Community hat ein Gefühl für die Reproduzierbarkeit."

Geld hilft

Ein Grund für die guten Ergebnisse ist für die Verhaltensökonomen, dass es für die Versuchspersonen auch um nennenswerte Geldbeträge geht, welche leistungsabhängig sind. Neben einem Grundstundenlohn von zehn bis zwanzig Euro, können sie den Ertrag deutlich steigern, wenn sie kluge Entscheidungen treffen.

"In manchen Fällen verdienen Studienteilnehmer bis zu 100 Euro für zwei Stunden. Das ist vor allem für Studierende ein substanzieller Anreiz ernsthaft zu agieren", so der Forscher, der aber einräumte, dass man etwa bei Bankern deutlich tiefer in die Tasche greifen muss. Außerdem sei es in seinem Fach schon länger Standard, etwa auch Experimentanleitungen und Originaldaten zu publizieren, was die Reproduktion erleichtere.

Kirchler ortet momentan einen gewissen Trend, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. "Ich glaube, dass einige Wissenschaftsdisziplinen davon sehr stark profitieren können. Viele wollen jetzt auch wissen, wie es bei ihnen selbst aussieht".

science.ORF.at/APA

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