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Schemtaische darstellung des Gehirns

Eiweiß als Schutzschild für die Hirnzellen

Wenn ein Mensch an Alzheimer leidet, dann werden die Nervenzellen im Gehirn angegriffen, bis sie schließlich absterben. US-Forscher haben nun einen Eiweißstoff entdeckt, der die Hirnzellen abschirmt und dadurch schützt - vorerst jedoch nur bei Mäusen.

Alzheimer 08.03.2016

Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind verlieren die Orientierung - räumlich, zeitlich und sozial. Grund dafür ist ein bestimmter Stoff im Gehirn: Er besteht aus sogenannten Beta-Amyloid-Peptiden, kurz A-beta. Sie sorgen dafür, dass die Nervenzellen und die Verbindungen zwischen den Nervenzellen absterben. Danach verklumpen diese A-beta und setzen sich als Plaques in der grauen Hirnsubstanz ab.

Bestimmter Eiweißstoff schützt die Zellen

Wissenschaftler des Howard Hughes Medical Institute der Columbia Universität in New York haben nun untersucht, ob es einen Stoff gibt, der die Hirnzellen vor den schädlichen A-betas schützen könnte. Zumindest bei Mäusen sind die Forscher fündig geworden: Ein bestimmter Eiweißstoff, PP2A, konnte die schädigende Wirkung abmildern.

Die Studie in PNAS:

PP2A methylation controls sensitivity and resistance to β-amyloid-induced cognitive and electrophysiological impairments von Russell E. Nicholls, Eric Kandel und Kollegen ist am 07. 03. 2016 in "PNAS" erschienen.

Allerdings mit einer Einschränkung: Damit der Eiweißstoff seine Schutzwirkung entfalten kann, muss ein chemischer Prozess stattfinden - das Eiweiß muss viele kleine Anhängsel ausbilden, sogenannte Methylgruppen. Damit es zu dieser "Methylierung" kommt, mussten die Wissenschaftler das verantwortliche Gen bei den Mäusen aktivieren.

Eiweiß kann "giftige Pfeile" abwehren

Wenn das passierte, hatten die Mäuse weniger starke Nervenschäden - obwohl das A-beta weiterhin im Gehirn vorhanden war. Auch bei hohen Konzentrationen von A-beta konnte der Eiweißstoff die Hirnzellen schützen. "Man muss sich vorstellen: Die A-beta funktionieren wie giftige Pfeile, die auf die Zelle gerichtet sind", erläutert der Neurologe Peter Dal-Bianco von der Medizinischen Universität Wien, "und diese Pfeile werden durch das PP2A, wenn es in der richtigen Form vorhanden ist, wie von einem Schutzschild abgefangen."

Ö1-Sendungshinweis:

Über das Thema berichtetet auch das Ö1-Morgenjournal, 08.03., 07.00 Uhr.

Bei jenen Mäusen, bei denen die Methylierung des PP2A nicht aktiviert wurde, sondern die Methylgruppen vom Eiweißstoff entfernt wurden, war das A-beta sogar schädlicher als zuvor.

Das Ziel ist Stillstand

Zu den Forschern, die an dieser Studie beteiligt waren, zählt auch der in Wien geborene und von den Nationalsozialisten vertriebene Neurowissenschaftler Eric Kandel. Das Ziel von Kandel und seinen Kollegen war es, einen neuen Angriffspunkt für die Alzheimertherapie zu finden.

Auch wenn die methylierten Eiweißstoffe keine Heilung bringen können, so waren sie zumindest bei den Mäusen dazu in der Lage, die Alzheimer-Erkrankungen aufzuhalten. "Im Grunde geht es hier um einen Stillstand. Das was passiert ist, kann man nicht rückgängig machen. Aber man will damit eine weitere Schädigung verhindern", ergänzt Dal-Bianco. Ob ähnliche Mechanismen auch beim Menschen aktiviert werden können, sollen weitere Studien zeigen.

Marlene Nowotny, Ö1-Wissenschaft

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