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eine Pinocchio-Figur sitzt auf einem grauen Boden

Gesellschaft macht (un)ehrlich

In einem bisher einzigartigen Experiment haben Forscher die Ehrlichkeit von Menschen rund um die Welt ermittelt. Ergebnis: Die meisten sind grundehrlich, nur eine kleine Minderheit lügt. Aber: Ein beträchtlicher Teil "dehnt" den eigenen Wahrheitsbegriff, um sich selbst noch für ehrlich zu halten – speziell in Ländern mit hoher Korruption.

Ökonomie 10.03.2016

"Österreich befindet sich eindeutig in der ehrlicheren Hälfte der untersuchten Länder", sagte der Verhaltensökonom Simon Gächter von der Universität Nottingham gegenüber science.ORF.at.

23 Länder untersucht

Der gebürtige Vorarlberger Gächter hat mit seinem Kollegen Jonathan Schulz eine besonders umfassende und ausgeklügelte Studie durchgeführt. Zunächst erstellten sie einen Korruptionsindex für 159 Länder: Er beinhaltet das Ausmaß von Steuerhinterziehung, politischer und wirtschaftlicher Korruption in den jeweiligen Ländern.

Die Studie

"Intrinsic honesty and the prevalence of rule violations across societies" von Simon Gächter und Jonathan Schulz ist am 9. März 2016 in der Fachzeitschrift "Nature" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 10.3., 13:55 Uhr.

"Von den 23 Ländern, die wir für die Studie ausgewählt haben, - darunter Spanien, Schweden, Deutschland, Indonesien, China, Südafrika, und Guatemala - war Österreich das am wenigsten korrupte", sagt Gächter. Die Daten dazu stammten aus dem Jahr 2003 – was für das Studiensetting zentral ist. Denn die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der vor Kurzem durchgeführten Untersuchung waren im Schnitt 21 Jahre alt und folgerichtig 2003 noch im Kindesalter.

"Sie waren zum Untersuchungszeitpunkt also höchstwahrscheinlich selbst noch nicht korrupt, haben noch keine Steuern hinterzogen und auch noch keine politischen Tricksereien begangen", erklärt Gächter. Wie sie sich in dem folgenden Ehrlichkeitstest verhalten, habe deshalb nichts mit der Umgebung zu tun, sondern nur mit ihrer eigenen Entscheidung. Oder im Psychologendeutsch: mit ihrer "intrinsischen Ehrlichkeit".

Euros verdienen durch Würfelspiel

Um diese zu messen, baten die Forscher weltweit über 2.500 Teilnehmer (rund die Hälfte von ihnen Frauen) zu einem einfachen Würfelspiel. Die überschaubaren Regeln: zweimal würfeln, dann Nennung der Augenzahl des ersten Wurfes. Für einen "Fünfer" gab es in Österreich fünf Euro (in den anderen Ländern eine vergleichbare Geldmenge), für einen "Vierer" vier Euro usw. Nur für einen "Sechser" gab es null Euro.

Das Besondere: Die Ökonomen sahen den Probanden beim Würfeln nicht zu, konnten also nicht überprüfen, ob diese die Wahrheit sagten oder nicht. Individuelle Ehrlichkeit konnten sie damit also nicht feststellen, sehr wohl aber die statistische Wahrscheinlichkeit für bestimmte Würfe.

37 Prozent strecken die Wahrheit

Und eben da zeigten sich Unterschiede zwischen Statistik und dem, was die Teilnehmer angaben. "Im weltweiten Schnitt haben wir 14 Prozent echte Lügner beobachtet", erzählt Gächter. "Komplett ehrlich haben sich 49 Prozent verhalten. Und dann gibt es 37 Prozent, die die Wahrheit strecken."

Gemeint ist damit folgendes: Die 37 Prozent lügen nicht unbedingt, aber sie verletzen Regeln – nämlich jene, nur vom ersten Wurf zu berichten. Sie würfeln z. B. beim ersten Mal einen "Einser", beim zweiten Mal aber einen "Vierer" und wählen dann die höhere Augenzahl aus. "D.h. sie können ihr Selbstbild aufrechterhalten, wonach sie ehrlich sind, und trotzdem pekuniär profitieren", sagt Gächter.

Österreichs Ehrlichkeit ist durchwachsen

Dieses Selbstbild ist weltweit wichtig, denn Ehrlichkeit sei überall eine Norm, betont der Verhaltensökonom. "Es ist nicht einfach zu lügen, sondern psychologisch kostspielig." In Ländern mit viel Korruption ist es aber ein wenig einfacher. "Dort sind die Menschen gewohnt, dass jeden Tag Regeln verletzt werden. Das ändert die Bereitschaft, sie selbst zu einzuhalten oder eben auch zu verletzen."

Von den untersuchten Ländern gehören dazu etwa Tansania, Marokko, China, Polen, die Türkei, Vietnam und Georgien. Zu den Ländern mit den "intrinsisch ehrlichsten Menschen" zählen Schweden, Deutschland, Großbritannien, Litauen und Südafrika. Das sind zum größten Teil auch jene Länder mit größter politischer sowie sozialer Stabilität und entsprechend funktionierenden Institutionen.

Die Ergebnisse für Österreich sind durchaus durchwachsen. Zwar sind wir im Vergleich das am wenigsten korrupte Land, in der Rangliste des durchschnittlich beanspruchten Geldbetrags - und somit einer individuellen Lügenliste - liegt Österreich aber nur auf Rang zehn.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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