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Ein Mann spricht mit seiner Therapeutin, sie sitzt ihm gegenüber und schreibt mit.

Therapie erfolgreich, Symptome verschlimmert

Wer wegen seelischer Nöte eine Psychotherapie beginnt, erwartet sich eine Linderung der Symptome. Aber wie Medikamente können auch Therapien unerwünschte Nebenwirkungen haben. In Großbritannien sind laut einer Studie fünf Prozent der Patienten davon betroffen. In Österreich dürften es aber deutlich weniger sein.

Psychologie 14.03.2016

"Beachtliche Minderheit"

Das Team um den Mediziner und Psychiater Mike Crawford vom Imperial College in London hat an 14.270 Menschen in England und Wales einen Fragebogen geschickt, die entweder aktuell eine Psychotherapie wegen Angstzuständen und Depressionen machen oder sie vor Kurzem abgeschlossen haben. 763 stimmten in diesen Fragebögen dem Satz zu, dass aus ihrer Therapie "andauernde negative Effekte" resultiert seien, wobei hier alle Zustimmungen - von stark bis leicht - zusammengefasst sind.

Fünf Prozent aller Patientinnen und Patienten wären laut dieser Studie davon betroffen. Mike Crawford und seine Kolleginnen und Kollegen sprechen deshalb von einer "beachtlichen Minderheit", bei denen eine Therapie nicht nur nicht die erwünschte Wirkung, sondern sogar negative Konsequenzen hatte.

Aufklärung und interkulturelle Kompetenz

Die Studie:

"Patient experience of negative effects of psychological treatment: results of a national survey" ist in der Märzausgabe des "British Journal of Psychiatry" erschienen.

Literatur:

"Wirkung, Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie", herausgegeben von Anton Leitner, Brigitte Schigl und Michael Märtens, facultas.wuv Universitätsverlag, Wien 2014

Die britischen Forscherinnen und Forscher haben auch Risikofaktoren identifiziert: Wer vor Beginn der Therapie nicht genügend aufgeklärt wurde, was eine Therapie an Nutzen bringen kann, ist laut Studie danach oft unzufrieden.

Außerdem haben Menschen, die einer ethnischen oder sexuellen Minderheit angehören, ein höheres Risiko, an unerwünschten Neben- und Nachwirkungen zu leiden. "Möglicherweise müsste hier an der 'kulturellen Kompetenz' der Therapeutinnen und Therapeuten gearbeitet werden", schreibt das britische Team.

Seriöses Erstgespräch wichtig

Beide Punkte - Information und eine Einschätzung der eigenen Kompetenz - hält auch Peter Stippl als Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP) für wichtig: "Ein wichtiger Teil eines seriösen Erstgesprächs ist es, die Ziele einer Therapie mit dem Patienten bzw. der Patienten zu klären und auch über die Effekte zu reden."

Möchte ein Mensch an seiner Persönlichkeit arbeiten, könnte es sein, dass er oder sie so selbstbewusst aus einer Therapie hervorgeht, dass die Ehe zu kriseln beginnt oder Probleme am Arbeitsplatz die Folge sein können. Darauf müsse man schon zu Beginn aufmerksam machen, so Peter Stippl.

Ist interkulturelle Kompetenz gefragt, weil ein Patient oder eine Patientin eine andere Sprache spricht oder mit ganz speziellen Problemen kommt, muss ein seriöser Therapeut seine Kompetenz kritisch hinterfragen und im Fall des Falles auch weiterüberweisen, sagt der ÖBVP-Präsident.

In Österreich "sehr selten"

Negative Nebenwirkungen treten in Österreich sehr selten auf, meint Peter Stippl und verweist als Beleg auf die Daten des Beschwerdeausschusses des Gesundheitsministeriums. Dort langen pro Jahr rund 30 Beschwerden ein, wobei nicht alle Nebenwirkungen betreffen, sondern auch andere Gründe haben können wie etwa Preiserhöhungen etc. Diese 30 Fälle stehen rund 30.000 versicherungsfinanzierten Therapien pro Jahr gegenüber.

Das größere Problem sei, dass noch immer zu wenige Menschen eine Therapie bekommen, so Stippl - entweder, weil sie von sich aus keine suchen oder weil ihnen das Geld dafür fehlt.

Um hinsichtlich der Qualität einer Therapie und auch einem professionellen Umgang mit Nebenwirkungen sicher zu gehen, rät Peter Stippl Betroffenen, sich an die Liste mit Therapeuten und Therapeutinnen des Gesundheitsministeriums bzw. die Datenbank des ÖBVP zu halten (siehe Links). Denn seiner Erfahrung nach sind es oft Wirkung und mögliche Nebenwirkungen offiziell nicht anerkannter Heilverfahren, die zu Problemen führen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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