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Diabetes: Elektronisches Pflaster auf dem Unterarm einer Patientin

Diabetes: Ein Labor zum Aufkleben

Diese Erfindung könnte das Leben von Diabetikern ändern: Koreanische Forscher haben ein Miniaturlabor entwickelt, das den Blutzucker automatisch regelt. Das Gerät ist nicht viel größer als ein Pflaster - erste Praxistests verliefen erfolgreich.

Technologie 22.03.2016

Der Stich in den Finger gehört für Diabetiker zum Alltag. Drei bis sechs Mal pro Tag müssen sie sich Blut abnehmen, um herauszufinden, wie hoch der Blutzuckerspiegel ist und wieviel Insulin sie das nächste Mal spritzen müssen.

Der Piekser in den Finger mag nicht so schlimm sein, mit einem gewissen Aufwand ist das Procedere allemal verbunden. Auf die regelmäßig Analyse vergessen dürfen Diabetiker jedenfalls nicht: Ansonsten droht der Blutzucker zu entgleisen, was im schlimmsten Fall sogar lebensgefährlich werden kann.

Zuckermessung über den Schweiß

Freilich wäre es praktischer, wenn man die Überwachung einem vollautomatischen System überantworten könnte - ohne all die Spritzen und das dauernde Mitdenken beim Essen. Laut Dae-Hyeong Kim könnte das bald möglich sein. Der koreanische Wissenschaftler hat mit seinen Mitarbeitern nun ein tragbares Labor entwickelt, das den Blutzuckerspiegel über den Schweiß bestimmt.

Diabetes: Blutzucker-Analyse-Pflaster auf dem Arm einer Patientin

Hui Won Yun, Seoul National University

Das Mini-Labor: Graphen-Elektronik, eingebettet in durchsichtigen Kunststoff

Überschreitet der Glukoselevel im Blut einen Grenzwert, reagiert das System, in dem es über Mikronadeln Wirkstoffe (neben Insulin zum Beispiel Metformin) an das Blut abgibt. Das Gerät sieht aus wie ein durchsichtiges, biegsames Pflaster. Ein Implantat der Sensoren ist nicht nötig, die Patienten kleben sich das Messgerät auf den Arm.

Wie Kim und seine Mitarbeiter im Fachblatt "Nature Nanotechnology" schreiben, wurden die integrierten Sensoren aus Graphen und Gold hergestellt. Sie stehen mit einem tragbaren elektrochemischen Analysegerät in Verbindung, das wiederum die Messdaten an das Smartphone weitergibt.

Machbar, aber noch nicht marktreif

Dass das System im Prinzip funktioniert, haben die Forscher nun an Mäusen sowie an zwei menschlichen Probanden nachgewiesen. Nun gilt es auf dem Weg zu einem markttauglichen Gerät zu klären, welche Lebensdauer die Sensoren besitzen und ob das Gerät auch dann klaglos arbeitet, wenn die Benutzer stark schwitzen, etwa beim Sport oder bei sommerlicher Hitze.

Und natürlich werden sich die Gesundheitsbehörden auch für die Genauigkeit des Analysepflasters interessieren, sowie für die Frage, wie oft man dieses kalibrieren muss. Denn Messfehler wären in diesem Fall kein akademisches Problem, sondern schlicht fatal für den Patienten.

Diese Fragen seien noch unbeantwortet und das gegenwärtige Design bedürfe wohl für den Alltag noch der einen oder anderen Überarbeitung, schreibt Richard Guy von der University of Bath in einem Kommentar zur Studie. Aber die Hürden seien nicht unüberwindbar, betont der Pharmakologe.

Ein nicht-invasives System, das den Zuckerspiegel misst und regelt - das wäre seiner Ansicht nach der "Heilige Gral" der Diabetes-Behandlung: "Wir haben ihn noch nicht in Händen, aber Kim und seine Kollegen sind ihm definitiv näher gerückt."

Robert Czepel, science.ORF.at

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