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Wie Peter Suhrkamp dem Tod im KZ entging

Peter Suhrkamp hat als Verleger die deutschsprachige Kultur maßgeblich geprägt. Eine Sammlung von Briefen wirft neues Licht auf dramatische Jahre seiner Biografie: Hochverrat, Haft und die Rettung aus dem KZ.

Zeitgeschichte 22.03.2016

Am 9. Juli 1920 kommen drei hoffnungsvolle junge Autoren am Starnberger See zusammen: Bertolt Brecht, Hanns Johst und Peter Suhrkamp. Brecht sollte später der marxistisch gesinnte Weltautor werden, von Suhrkamp nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt. Der zweite, der Expressionist Johst, steigt im Nationalsozialismus zum Präsidenten der Reichsschrifttumskammer auf.

Die Begegnung zeigt, dass nach dem Aufbruch in der Weimarer Republik die Karrieren von Literaten höchst unterschiedlich verliefen. Dennoch konnten sie sich immer wieder kreuzen. So deutet vieles darauf hin, dass der 1944 von der Gestapo verhaftete Suhrkamp Monate später bei seiner Freilassung aus dem KZ, als er dem Tod nahe war, auch in seinem früheren Freund Johst einen Fürsprecher fand.

Dies legt der Briefwechsel nahe, den damals der Häftling Suhrkamp mit seiner Frau Annemarie ("Mirl") Seidel führte. 42 von "Mirls" Briefen sind erst vor kurzem wieder aufgetaucht. Alle 345 Briefe erscheinen zum 125. Geburtstag von Peter Suhrkamp (28. März) in einem Band des von ihm gegründeten Verlags.

Brief von Peter Suhrkamp

APA/dpa/Alexander Heinl

Brief von Peter Suhrkamp

Mit Autoren wie Brecht, Max Frisch oder Theodor W. Adorno legte der Verleger 1950 in Frankfurt den Grundstein für jene "Suhrkamp-Kultur", die den deutschsprachigen Raum maßgeblich intellektuell geprägt hat. Doch Peter Suhrkamp, als Bauernsohn am 28. März 1891 im Oldenburgischen geboren, war schon während des Nationalsozialismus ein Verleger von Rang.

Denunziation und Verhaftung

Am Lehrerseminar in Oldenburg ausgebildet, studiert Suhrkamp nach dem Ersten Weltkrieg, an dem er als Offizier teilnahm, in Heidelberg und Frankfurt. Nach Etappen als Dramaturg, Schulleiter und Literaturredakteur kommt er 1933 zum S. Fischer Verlag in Berlin.

Als Gottfried Bermann Fischer, der Schwiegersohn des 1934 verstorbenen jüdischen Verlagsgründers Samuel Fischer, 1936 mit einem Teil des Verlags flieht, versucht Suhrkamp für das renommierte Haus unter schwierigen Bedingungen eine Nische im "Dritten Reich" zu finden. Mitte 1942 - die Nazis hatte bereits ein Jahr zuvor die Entfernung von jüdischen Firmennamen verlangt - meldet Suhrkamp dann den Verlag unter eigenem Namen an.

Zwangsläufig gehören von den Nazis gelittene Autoren zum Programm, doch Suhrkamps Einsatz für Autoren wie Hermann Hesse beobachtet die NS-Führung mit Argwohn. 1942 wird Hesses "Glasperlenspiel" verboten, 1943 steht der Verlag vor der Schließung. Im April 1944 wird Suhrkamp nach einer Denunziation mit dem Vorwurf des Hochverrats verhaftet.

Lavieren und Überleben im NS-Kulturbetrieb

Seine Frau "Mirl" - eine aus großbürgerlichem Haus stammende Schauspielerin, deren Schwester Ina ("Das Wunschkind") zu den von den Nazis gefeierten Autoren gehörte - kämpft um sein Leben. In Briefen an den SS-Gruppenführer Johst beschwört sie die Zeiten vor 1933. Auch der Bildhauer Arno Breker taktiert für Suhrkamp, der Anfang 1945 aus dem KZ entlassen wird.

In den jetzt vorliegenden Briefen gibt es Hinweise, dass Johst möglicherweise Suhrkamp im Gestaop-Gefängnis besuchte, wie Wolfgang Schopf, Leiter des Literaturarchivs an der Frankfurter Goethe-Universität, sagt. Der Briefwechsel, den Schopf herausgegeben hat, dokumentiert das schwierige Lavieren Suhrkamps im nationalsozialistischen Kulturbetrieb. Mit seiner Frau flüchtet er regelmäßig von Berlin in die unkorrumpierte Nordsee-Idylle ihres gemeinsamen Hauses auf Sylt.

"Der Grat zwischen Verstrickung ins System, innerer Emigration und der persönlichen Courage, die Suhrkamp gezeigt hat, war schmal", sagt Schopf. Er begann mit der Auswertung der Briefe, als der Suhrkamp Verlag 2009 vor seinem Umzug von Frankfurt nach Berlin sein Archiv ans Deutsche Literaturarchiv in Marbach verkaufte. Mit dessen Quellen wurde die Edition jetzt abgeschlossen.

Nach dem Krieg erfindet sich Peter Suhrkamp, ein hagerer und kranker Mann, neu. In Berlin zeigte er durchaus Züge eines Bonvivant, mit der Übersiedlung nach Frankfurt gleicht er einem asketischen ersten Arbeiter im Wiederaufbau des Verlags. 1949 überwirft sich Suhrkamp mit den S. Fischer-Erben.

Noch vor der eigenen Verlagsgründung ein Jahr später trennt sich Suhrkamp von "Mirl". Die Gründe dafür bleiben unbekannt, es war Suhrkamps vierte Ehe. Er wohnt fortan in Pensionen und zur Untermiete. Von den Verletzungen im KZ schwer gezeichnet, verbringt er die Zeit bis zu seinem Tod 1959 oft in Sanatorien - und im Dienst seiner Autoren.

Thomas Maier, dpa

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