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Der Kopf einer Hausratte

Psychotherapie für depressive Ratten

Ob jemand depressiv wird oder nicht, liegt nach heutigem Kenntnisstand auch an den Genen. Die gute Nachricht: Der Erblast kann man entkommen. Das legen zumindest Experimente an Ratten nahe.

Depressionen 30.03.2016

Depressionen liegen mitunter in der Familie. Litt oder leidet bereits die Großmutter oder ein Elternteil daran, erhöht sich das Risiko, selbst zu erkranken. Laut einer schottischen Studie aus dem Jahr 2015 mit mehr als 20.000 Teilnehmern ist die psychische Erkrankung zu 28 bis 44 Prozent erblich bedingt.

Die Studie in "Translational Psychiatry":

"Nature and nurture: environmental influences on a genetic rat model of depression" von N. S. Mehta-Raghavan et al., erschienen am 29. März 2016

Man ist aber dennoch nicht zur Depression verdammt. Umweltfaktoren, Lebenserfahrungen und Schicksalsschlägen dürften darüber entscheiden, ob die Krankheit tatsächlich ausbricht oder nicht. Und selbst wenn jemand eine ausgeprägte depressive Familiengeschichte aufweist, solle man sich nicht entmutigen lassen, so Eva Redei von der Northwestern University Feinberg School of Medicine angesichts der Ergebnisse ihrer soeben in Translational Psychiatry veröffentlichten Studie.

Für ihre Experimente haben die Forscher um Redei über 33 Generationen einen extrem depressiven Rattenstamm gezüchtet. Das genetische Modell der Depression bei den Nagetieren ist dem menschlichen sehr ähnlich, wie Redei aus früheren Untersuchungen zu Biomarkern von Depressionen weiß.

Disneyland für Ratten

Dann untersuchte das Team, ob sie die depressiven Tiere - ausschließlich mit Hilfe einer anprechenden Umgebung - aus ihrer Gemütslage befreien können. Sie verpassten den Tieren eine sogenannte Ratten-Psychotherapie. Diese bestand aus riesigen Käfigen mit unzähligen Spielsachen zum Zerkauen, Herumklettern und Verstecken - also eine Art Disneyland für Ratten. In der angereicherten Umgebung gab es unzählige Möglichkeiten für Aktivitäten und Kontakte zwischen den Artgenossen. "Dies lässt sich mit einer Therapie vergleichen", so Redei in einer Aussendung.

Einen Monat durften die niedergeschlagenen Nagetiere in der Spiellandschaft verbringen. Wie sich zeigte, mit Erfolg. Denn die Ratten verhielten sich danach kaum mehr depressiv. Getestet wurde das unter anderem in einem Wassertank. Die vormals depressiven Tiere agierten im Test wie "normale" Ratten. D.h., sie schwammen hektisch herum und suchten einen Ausweg. Depressive Tiere lassen sich laut den Forschern einfach willenlos treiben.

Dabei seien die gezüchteten Tiere ein Extremmodell der Depression. "Es gibt keine Menschen, die - so wie diese Ratten - komplett depressiv veranlagt sind", so Redei. "Wenn man sogar diesen armen Tieren helfen kann, sollte es bei Menschen ziemlich sicher auch möglich sein."

Erfahrung macht depressiv

Ob von Natur aus nicht depressive Ratten umgekehrt durch negative Erfahrungen depressiv werden, testeten die Forscher in einem weiteren Experiment. Die Tiere mussten dabei stressreiche Situationen ertragen, z.B. waren sie zwei Wochen lang jeden Tag zwei Stunden auf engstem Raum eingesperrt. Danach verhielten sie sich im Wassertank eindeutig depressiv, sie ließen sich treiben und versuchten gar nicht erst zu entkommen. Diese Verhaltensänderung spiegelte sich den Forschern zufolge auch in messbaren Biomarkern.

Die Biomarker zeigten allerdings auch, dass es - zumindest auf molekularbiologischer Ebene - doch Unterschiede zwischen ererbter und erworbener Depression gibt. Dass könnte laut den Forschern von klinischer Relevanz sein. Wenn man anhand von Biomarkern feststellen könnte, an welcher Depression jemand leidet, könnte man die Erkrankung in Zukunft womöglich präziser behandeln. Die Biomarker selbst könnten dabei Ansatzpunkte für eine medikamentöse Behandlung liefern.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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