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Frau greift sich an die Stirn

Unsicherheit - schlimmer als Schmerz

Wenn wir damit rechnen, dass etwas Unangenehmes passiert, erzeugt das naturgemäß Stress. Wie eine Studie zeigt, ist es allerdings noch schlimmer, wenn wir nicht genau wissen, ob das Unangenehme überhaupt eintritt.

Stress 31.03.2016

45 Freiwillige nahmen an der experimentellen Studie der Forscher um Archy de Berker vom University College London teil. Bei einem Computerspiel mussten sie am Bildschirm Steine wenden, unter denen sich Schlangen verbergen konnten, aber nicht mussten.

Stießen die Teilnehmer tatsächlich auf ein Tier, erhielten sie einen leichten elektrischen Schock. Im Lauf der Zeit lernten die Spieler zwar, unter welchen Steinen sich die meisten Schlangen versteckten. Diese Bedingungen änderten sich allerdings im Lauf des Experiments ständig, was zu neuen Verunsicherungen führte.

Die Studie in "Nature Communications":

"Computations of uncertainty mediate acute stress responses in humans" von Archy O. de Berker et al., erschienen am 29. März 2016.

Was uns nervös macht

Um genau diese Unsicherheit ging es den Forschern - sie wollten wissen, wie viel Stress diese bei den Probanden auslöst. Nach der persönlichen Einschätzung, der Weitung der Pupillen und dem Schweiß, den die Teilnehmer produzierten, war dieser erheblich und viel größer, als wenn man ihnen klar angekündigt hatte, dass sie einen leichten Elektroschock erhalten werden.

Damit haben die Forscher etwas gemessen, was vielen Menschen vermutlich aus ihrem Alltag bekannt ist. "Es ist die Ungewissheit, die uns nervös und ängstlich macht, etwa wenn man auf medizinische Ergebnisse wartet oder nicht weiß, warum ein Zug nicht pünktlich ist", erläutert Koautor Robb Rutledge den Zusammenhang in einer Aussendung.

Nützlicher Stress

Stress habe zwar heute ein durchwegs negatives Image. Die aktuelle Studie verdeutliche aber auch seinen Nutzen: Denn jene Probanden, die besonders gestresst auf die Unsicherheit reagiert haben, waren die treffsichersten, wenn es darum ging, die schlangenfreien Steine zu orten.

Evolutionär betrachtet bedeutet die Stressreaktion laut den Forschern somit einen Überlebensvorteil. "Die Reaktion kann helfen, ungewisse und gefährliche Situation besser einzuschätzen", so Koautor Sven Bestmann.

Auf der anderen Seite stecke das moderne Leben aber voller kleiner und unnötiger Unsicherheiten und damit möglicher Stressquellen. Immerhin versuche man mittlerweile, manche dieser stressreichen Ungewissheiten zu eliminieren: Als Beispiel nennt Bestmann die Zeitanzeige bei U-Bahnen, Straßenbahnen und Bussen. Wenn sich die Verkehrsmittel allerdings ohne Angabe von Gründen nicht an den Plan halten, entstehe erst recht wieder Stress.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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